Category Archives: vienna

to die in freedom

„In Victoria war Jones anwesend, der uns dann durch das schöne London in unser neues Haus brachte, 39 Elsworthy Road. Wenn Sie London kennen, es ist ganz im Norden der Stadt, nach dem Ende von Regent’s Park am Fuß von Primrose Hill, hat von meinem Fenster aus kein Gegenüber, sondern nur die Aussicht ins Grüne, das mit einem reizenden kleinen von Bäumen umschlossenen Garten anfängt. Es ist also so, als ob wir in Grinzing lebten, wo jetzt der Gauleiter Bürckel uns gegenüber eingezogen ist. […] Die Affektlage dieser Tage ist schwer zu fassen, kaum zu beschreiben. Das Triumphgefühl der Befreiung vermengt sich zu stark mit der Trauer, denn man hat das Gefängnis, aus dem man entlassen wurde, immer noch sehr geliebt, in das Entzücken über die neue Umgebung, das einen zum Ausruf: Heil Hitler drängen möchte, mengt sich störend das Unbehagen über kleine Eigentümlichkeiten der fremden Umwelt ein, die frohen Erwartungen eines neuen Lebens werden durch die Unsicherheit gehemmt, wie lange ein müdes Herz noch Arbeit wird leisten wollen, unter dem Eindruck der Krankheit im Stock über mir – ich habe sie noch nicht sehen dürfen – wechselt der Herzschmerz ab mit deutlicher Depression.“ – Sigmund Freud, 1938

“- to die in freedom.”, Thomas Aichhorn zum 75. Todestag Sigmund Freuds

Pratervergnügen und Freizeittechnologien

Prater und Freizeitparks ziehen in den Sommertagen jene an, die nicht verreist sind. Die Stätten institutionalisierter Freizeitgestaltung locken mit dem Versprechen auf Abwechslung von der vertrauten Umgebung.

Vendedig in Wien IBevor der Prater von Joseph II. der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, war er allein dem Jagdvergnügen des Adels vorbehalten. Nach der Öffnung 1766 ließen sich zahlreiche Kaffeehäuser und Amüsierbetriebe, die Vorläufer des heutigen Wurstelpraters, entlang der Praterwege nieder. In Zeiten, in denen Fernreisen für den überwiegenden Großteil der Bevölkerung nicht finanzierbar waren, bot der Wiener Prater zumindest die Illusion eines Auslandsaufenthalts. Im Mai 1895 eröffnete im Kaisergarten die Unterhaltungsstätte Venedig in Wien. Auf mehreren tausend Quadratmetern konnte man zwischen nachgebauten Palazzi umherschlendern und sich von echten venezianischen Gondolieri durch die Kanäle rudern lassen. Daneben lockten Marionettentheater, Cafés, Restaurants und musikalische Darbietungen die Besucher an. Selbst Postkarten mit venezianischen Motiven gab es zu erwerben, die den Schein, tatsächlich zu Gast in der Lagunenstadt gewesen zu sein, abrundeten. 1901 löste eine neue Attraktion das Wiener Venedig ab: auf dem Gelände einer ‚internationalen Stadt‘ konnte man durch japanische, spanische und ägyptische Straßen flanieren. Die Imagination der Reise basierte ebenso sehr auf der detailverliebten Kulisse wie auf der Fähigkeit der Besucher, sich auf die Täuschung einzulassen. Sofern es die eigene Vorstellungskraft erlaubte, konnte man sich mitten in Wien für einige Stunden als Weltreisender fühlen. Continue reading

Energy & Folklore statt Eros & Amore

Die Erotik-Messe „Eros und Amore“ tingelt alljährlich durch Österreich und Deutschland. Die Veranstaltungs-Website kündigt Niveau, Qualität und die Erfüllung erotischer Träume an. Hehre Versprechungen, die wir einer Realitätsprüfung unterzogen haben.

Wer sich schon einmal in die Shopping City Süd begeben musste, dem wird die architektonische Zumutung am Beginn des Einkaufszentrums nicht entgangen sein: die Pyramide Vösendorf. Sonst begegnet man diesem Bauwerk innerhalb der Wiener Stadtgrenze nur beim Anblick etwas schmuddelig wirkender neonfarbener Plakate, die den Gürtel und diverse Autobahnausfahrten säumen. Mindestens zweimal im Jahr bewerben diese in großen Lettern ein Event mit dem schlichten Titel „Erotikmesse“, das eben dort stattfindet. Nach Jahren der plakatförmigen Konfrontation mit dieser Veranstaltung können wir der Versuchung nicht mehr widerstehen. An einem verregneten Sonntag wagen wir uns zu „Eros und Amore“ in die Pyramide. Dort angekommen springen uns als erstes die Käse- und Brezelstände im Eingangsbereich ins Auge. Ihr autochthoner Charme konterkariert das Konzept des Messezentrums, mittels Kunstfelsen und Palmen ein tropisches Ambiente zu schaffen. Vor lauter Käse von Erotik erstmals keine Spur.

Continue reading

comrade behind bars

soli


Worum es ursprünglich ging, ist schnell in drei Videos zusammengefasst:
die Demokratie, die Bubis und der Schwarze Block™

Killing Nazis

Nichts zu feiern

Nachfolgend ein Aritkel des Genossen Michail Awakowitsch zum Wiener „Fest der Freude“.

Am 8. Mai wurde in Wien zum ersten mal ein „Fest der Freude“ anlässlich der militärischen Niederschlagung des Nationalsozialismus begangen. Ein weiteres gutes Beispiel dafür, wie hierzulande mit zeitlicher Verzögerung die realpolitischen Erfolgsmodelle Deutschlands kopiert werden.

Während der 8. Mai in Wien traditionell eher als erweiterter Volkstrauertag angesehen wurde, kippte dieses Jahr die Staatsräson. Aus der Beschwörung des unschuldigen Österreichs, das schmerzlich seine Kinder vom deutschen Nationalsozialismus zu Grabe tragen ließ, wurde die Freude über die Besetzung durch die Alliierten und über die Niederschlagung der Armeeverbände des Nationalsozialismus am 8. Mai 1945. Die Schmach über die militärische Niederlage der eigenen Groß- und Urgroßelterngeneration und das Versagen der großdeutschen Träumerei spielen auf einmal keine Rolle mehr in der österreichischen Staatsräson. Sie erscheinen nun vielmehr als unnötiger Ballast denn als gesellschaftlich noch tragfähig.

Continue reading