Category Archives: sexuality

Notizen I

Zur Lage in Syrien und dem Irak: Lesen und unterstützen Sie WADI.

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Zur Pädophilie-Debatte in Deutschland: Ja, wer sind denn diese Kinder?

Ein Beitrag von Ulf Erdmann Ziegler.


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Dem kleinen Hans sein Wiwimacher

Mit Graus stellen sich Eltern aller Länder immer wieder die Frage: wie umgehen mit infantiler Sexualität? Eine kleine Suche nach Antworten.

abSeit den Kontroversen um die Sexualtheorie Sigmund Freuds stößt die Annahme einer infantilen Sexualität auf Widerstand. Unabhängig von Bildung, ideologischem Hintergrund oder dem eigenen Kontakt zu Kindern findet sich auch heute noch ein gesellschaftsübergreifendes Spektrum, dass ein Jahrhundert nach dem Erscheinen der Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie1 vehement daran festhält, dass Kinder asexuelle Wesen seien. Kindliche Selbstbefriedigung wird zur juckenden Pilzinfektion verklärt, das sichtliche Interesse an Geschlechtsorganen anderer auf Missbrauchserfahrungen zurückgeführt oder das lustvolle Saugen an der Brust mit dem letzten zuckerhaltigen Mahl der Mutter begründet. Das Kind ist nach wie vor idealisiertes Objekt für die Wünsche und Ziele Erwachsener, die in ihm nahezu ausschließlich das Eigene wiederzuerkennen meinen. Sexuelle Regungen stören hier und laufen der propagierten Reinheit des Kindes zuwider. Es ist daher nicht sehr überraschend, dass noch immer allein der Begriff Pädophilie ausreicht, um eine Flut an Mordfantasien loszutreten und Kinder sich in der Werbebranche ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Da die süßen Kleinen vor allem mit den Projektionen der Erwachsenen ausgestattet sind, stößt die empathische Besetzung kaum an Grenzen und wendet sich gegen all jenes, welches das idealisierte Bild der kindlichen Unschuld in Frage stellt. Continue reading

Energy & Folklore statt Eros & Amore

Die Erotik-Messe „Eros und Amore“ tingelt alljährlich durch Österreich und Deutschland. Die Veranstaltungs-Website kündigt Niveau, Qualität und die Erfüllung erotischer Träume an. Hehre Versprechungen, die wir einer Realitätsprüfung unterzogen haben.

Wer sich schon einmal in die Shopping City Süd begeben musste, dem wird die architektonische Zumutung am Beginn des Einkaufszentrums nicht entgangen sein: die Pyramide Vösendorf. Sonst begegnet man diesem Bauwerk innerhalb der Wiener Stadtgrenze nur beim Anblick etwas schmuddelig wirkender neonfarbener Plakate, die den Gürtel und diverse Autobahnausfahrten säumen. Mindestens zweimal im Jahr bewerben diese in großen Lettern ein Event mit dem schlichten Titel „Erotikmesse“, das eben dort stattfindet. Nach Jahren der plakatförmigen Konfrontation mit dieser Veranstaltung können wir der Versuchung nicht mehr widerstehen. An einem verregneten Sonntag wagen wir uns zu „Eros und Amore“ in die Pyramide. Dort angekommen springen uns als erstes die Käse- und Brezelstände im Eingangsbereich ins Auge. Ihr autochthoner Charme konterkariert das Konzept des Messezentrums, mittels Kunstfelsen und Palmen ein tropisches Ambiente zu schaffen. Vor lauter Käse von Erotik erstmals keine Spur.

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Das Verbrechen an der Unschuld

Nachfolgend ein Essay zum Thema Pädophilie im Film von der Genossin Schmidt und meiner Wenigkeit, erschienen im Rahmen des Dossiers Das Verbrechen an der Unschuld in der Jungle World vom 19.07.2012. Das gesamte Dossier mit Interviews zum Thema Pädophile sowie zu den Filmen Stillleben und Outing findet sich im dortigen Archiv.

Der Begriff Pädophilie wurde 1886 durch den Psychiater und Sexualwissenschaftler Richard von Krafft-Ebing als Bezeichnung einer sexuellen Störung eingeführt. Bereits in seiner Beschreibung der Störung konstatiert Krafft-Ebing, dass das ausschließliche sexuelle Interesse an Kindern zeitlich überdauernd, also nicht veränderbar sei. An dieser Definition hat sich seither wenig geändert, die psychiatrische Forschung behandelt das Phänomen immer noch als eine Störung der Sexualpräferenz, die therapiert, aber nicht geheilt werden kann. Therapieangebote sind jedoch rar. 2005 initiierte die Berliner Charité das Projekt »Kein Täter werden«. Bereits nach wenigen Tagen waren alle Therapieplätze ausgebucht. Mittlerweile werden ähnliche Projekte in sechs deutschen Städten angeboten. Doch die öffentliche Wahrnehmung von Pädophilie als kriminellem Phänomen bleibt weiter vorherrschend. Pädophil ist in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, wer zum Täter wird. Die Beschränkung auf den kriminellen Pädophilen verschleiert, dass nur ein sehr geringer Teil der Sexualverbrechen an Minderjährigen aufgrund einer pädophilen Neigung begangen wird. Verstärkt wird diese Wahrnehmungsverzerrung durch die Konzentration des Interesses auf das durch den Erwachsenen sexuell gefährdete Kind, die sowohl die öffentliche Debatte als auch die meisten Filme zum Thema prägt. Es verwundert daher nicht, dass sich gerade in der Sparte des Kriminalfilms das Sujet des Kindesmissbrauchs ungebrochener Beliebtheit erfreut. Kaum ein anderes Motiv eignet sich besser als Hintergrund zur Darstellung von Schuld und Obsession als das Verbrechen an der kindlichen Unschuld. Dabei geht meist eine idealisierte und entsexualisierte Vorstellung von Kindheit mit der Dämonisierung des vermeintlich omnipräsenten Täters einher.

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We’re not bad people, we just come from a bad place

Shame, 2011
R: Steve McQueen
D: Michael Fassbender, Carey Mulligan

Der New Yorker Brandon erfüllt eigentlich alle Aufnahmebedingungen für den Club der liberalen Glücksversprechungen. Gutaussehend und materiell gesichert zieht er durch die Straßen New Yorks von einem sexuellen Stelldichein zum nächsten. Aber eine Dissonanz schwingt in seinen Eskapaden mit. Eskapaden, die frei jeglicher Erotik, frei von sinnlichem Begehren sind. Selbst die lustvolle Spannung, welche zwischen Brandon und den Objekten seiner Begierde aufscheint, ist bloßes Mittel die erwünschte Triebabfuhr herbeizuführen. Der zur Sucht verkommene Sexus bedient sich erotischer Verführungskünsten einzig noch, um das nutzbar zu machen was der Nutzbarkeit enthoben sein sollte.
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Sexuality in Europe

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen, so schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts zumindest Einer, dem nachgesagt wird er sei nicht nur ein trunkener Nachtarbeiter gewesen, sondern habe auch eines seiner Dienstmädchen geschwängert und anschließend in die Wüste geschickt. Aber wie ist das mit der Geschichte der Sexualität?

Die New Yorker Historikerin Dagmar Herzog geht in ihrem aktuellen Buch Sexuality in Europe der Geschichte menschlicher Sexualität im 20. Jahrhundert auf den Grund und zeigt, welche Bedeutung der anhaltende Kampf um die Liberalisierung des Sexus im europäische Kontext spielte und weiterhin spielen wird.
Angefangen bei dem aus seiner Hochzeit tretenden Bürgertum um 1900, in dem Sex in der Ehe vor allem der Reproduktion dienlich sein sollte und sexuelle Encounter der Lust wegen eher etwas waren, für das der Herr des Hauses auf Dienstmädchen oder Prostituierte zurückgriff, bis hin zur modernen Paarbeziehung, in der Sex, egal ob Homo, Hetero oder Bi, als etwas essentielles betrachtet wird, an welchem nicht bloß der Gesundheitsstand einer Beziehung, sondern auch die Verwertbarkeit des Einzelnen auf dem Arbeitsmarkt ablesbar scheint, geht Herzog auf die jeweiligen Entwicklungen in den europäischen Ländern ein und zeichnet den diskontinuierlichen Weg sexueller Libertinage nach.
Herzog zeigt auf, wie die bürgerlichen Wertvorstellungen nach dem ersten Weltkrieg langsam dahin bröckeln und in den Zwischenkriegsjahren eine Liberalisierung einsetzt, welche wohl in nicht unbedeutendem Maße durch den vorläufigen Erfolg der russischen Revolution 1917 herbeigeführt wurde. So hatten die russischen Kommunisten 1920 Schwangerschaftsabbrüche legalisiert und im staatlichen Gesundheitswesen fest verankert, sich bemüht die Gleichstellung der Geschlechter herbeizuführen, damit begonnen patriarchale Dorf- und Familienstrukturen zu zerschlagen sowie gegenüber Homosexualität eine relativ liberale Haltung eingenommen. Dies wirkte sich in Europa in mehrerer Hinsicht aus, so bildete sich aus dem Dunstkreis linker Intellektueller und Mediziner eine eigene Sexualwissenschaft heraus, welche eine Liberalisierung der jeweiligen nationalen Sexualgesetzgebung anstrebte. Aber selbst die katholische Kirche wurde von der russischen Revolution dahingehend beeinflusst, dass sie aus Angst davor, die Roten könnten ihr gegenüber in Sachen Sexualität aufholen, begann eine erfüllende Sexualität in der Ehe als etwas auch jenseits der Reproduktionstätigkeit erstrebenswertes zu propagieren.

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