Was uns zusammenhält

„Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich, indem nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt werden kann, welches die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt.“ (Freud, S. 422)

Die Willkommenseuphorie, die Flüchtlinge im Spätsommer so unverhofft traf, Shipwreckwie sonst nur die Kugeln von spanischen und türkischen Grenzwächtern, wurde von einer Welle der Massensolidarität begleitet, die die Lagerräume der Hilfsorganisationen mit Flohmarktware überschwemmte. Abstrahiert man vom konkreten Nutzen, den derlei Entrümplungsaktionen für Flüchtlinge haben, bleibt die Frage, ob hier eine Schuld mit Almosen beglichen werden sollte. Tatsächlich wurde im Zuge des zivilgesellschaftlichen Summer of Hope die Gewalt, die Europa im Kern zusammenhält, durch eine Eruption des Engagements in Sachen Nächstenliebe an den Rand der Vergessenheit gedrängt. Zwar durfte das Einzelschicksal noch zur voyeuristischen Beschau und zur Wahrung der eigenen moralinsauren Interessen Darstellung finden, aber wesentlich wichtiger war die routinierte Abfertigung von Flüchtlingen zur reibungslosen Weiterfahrt. Auch den selbsternannten Fluchthelfern waren die Menschen aus der Fremde anscheinend so suspekt, dass sie diese vor allem als archaische Masse ansahen, die – um ihrer Herr zu werden – zerstückelt und schnellstmöglich über Europa verteilt werden musste1. Der Schock, den jene Flüchtlinge der europäischen Gemeinschaft versetzt hatten, die ihr Schicksal einfach selbst in die Hand nahmen und in den ersten Septembertagen zu Fuß von Budapest gegen Westen aufbrachen, saß tief. Und so übernahmen jene besorgten Europäer freiwillig die Aufgabe, diejenigen zu formieren und zu integrieren, die von den europäischen Grenztruppen nicht aufgehalten werden konnten. Mittlerweile bleibt die Gewissheit, dass sich trotz aller durchorganisierten Aufbruchstimmung nichts verändert hat, sondern u.a. durch die Tatkraft der vermeintlichen Helfer ein ritueller Prozess abgesichert wurde, den die Flüchtlinge kurzzeitig zu sprengen drohten.

Die Flüchtlinge, die auch weiterhin täglich an den europäischen Außengrenzen sterben, die in den Auffanglagern Nordafrikas und des Nahen Ostens dahinvegetieren, zermürbt und ihrer Menschlichkeit beraubt werden, scheinen eines der Opfer zu sein, das nötig ist, um das postnazistische Europa zusammenzuhalten. Die Gemeinschaft braucht die Anderen, die nicht zu ihr gehören dürfen, denn dürften sie zu ihr gehören, würde dies die Exklusivität in Frage stellen, die mit der hiesigen Kapitalanhäufung einhergeht. Manch einer mag mit dieser Realität ringen, wie mit einem Triebimpuls der nicht wahr werden darf, manch einer mag sie tabubrecherisch und unbegriffen hinausschreien, während er wollüstig das Opfermesser fordert, aber keiner kann sich ihr entziehen.
Diejenigen, denen der Blutrausch suspekt ist, stehen in der Tradition all jener archaischen Gemeinschaften, die das Menschenopfer vor seinem Tod zum Auserwählten erhoben, um der eigenen Schuld durch Idealisierung des Geopferten Herr zu werden. In den anerkennenden und respektvollen Blicken, die sich an Österreichs Bahnhöfen auf die Flüchtlinge legten, kam die ganze Verherrlichung des Opfers zum Ausdruck, die nur gegeben ist, da man um seine Vernichtung zu Gunsten des Gemeinwohls weiß. Die Ankommenden hatten es zwar zunächst geschafft, dem feuchten Altar zu entkommen, doch man wusste und weiß nur allzu genau, wie viele ihrer Bekannten und Verwandten auch weiterhin leblos an den Küsten des Mittelmeers angeschwemmt werden. Man weiß sich in der Schuld und verherrlicht diejenigen, deren mögliche Rache man fürchtet.
Doch die Idealisierung kann nicht lange bestehen bleiben und so drängen die freiwilligen Helfer auf Integration, bieten kostenlose Deutschkurse, suchen Wohnungen und potentielle Freundeskreise, um die Fremden möglichst schnell zum Teil des Eigenen zu machen. Die Dissonanz, die noch im Abwehrmechanismus der Idealisierung mitschwingt, kann nicht lange ausgehalten werden, da in ihr noch das Wissen über das gemeinsame Morden aufscheint und muss durch die Tilgung des Anderen aus der Welt geräumt werden. Daher auch das sinkende Interesse an Flüchtlingen, sobald diese im Alltag angekommen sind, d.h. sie relativ reibungslos ihrer Funktion als Ware Arbeitskraft nachkommen können oder in islamischen Gemeinden zur outgesourcten Elendsverwaltung abgestellt sind.

Diese Flüchtlingssolidarität entpuppt sich als konformistische Rebellion. Während die politische Herrschaft sowohl von Gegnern als auch Befürwortern der Flüchtlingssolidarität angegriffen wird, da sie das Opfer scheinbar ohne Berücksichtigung der Interessen der Gemeinschaft gewählt hat, beruft man sich allseits auf die ökonomische Nützlichkeit, berichtet stolz von der eigenen Leistungsfähigkeit oder dem wertschöpfenden Potential motivierter Flüchtlinge. So gerinnt einmal mehr die politische Ökonomie zum Zentrum allen Denkens und Handelns, d.h. der implizite Grund für Flucht und Vertreibung wird zum unhinterfragten Ausgangspunkt aller Reflexion über selbige. Der politischen Ökonomie gilt hierbei das Opfer und über sie ist der Galgenstrick der Flüchtlinge vermittelt, aus dem sich das heilige Band der europäischen Gemeinschaft dreht. Den staatlichen Strukturen kommt nur mehr die Rolle einer Priesterkaste zu, die im Zuge der Opferung von der Gemeinschaft gedemütigt und verhöhnt wird, da sie die unmittelbare Schuld an der Opferung und ihren Konsequenzen zu tragen scheint. Dieser Scheinkonflikt mit dem Staat ist Moment kathartischer Reinigung, bei dem sämtliche Verantwortung für das eigene Handeln geleugnet und bei Bedarf an einer bestehenden Regierung bzw. durch deren Absetzung exorziert wird. Derlei demokratische Geplänkel ändern aber nichts daran, dass das Opfer weiter zum Wohl der postnazistischen Gemeinschaft dargebracht werden muss und es soll auch gar nichts daran ändern, da eine Veränderung für das europäische Subjekt das Risiko birgt, nicht mehr am Reichtum partizipieren zu können. Es ist mitnichten nur die Angst und der Hass der Flüchtlingsgegner, sondern auch die verdrängte Angst und Gewalt der Flüchtlingsunterstützer, die dazu führt, dass der Status quo aufrechterhalten und schlussendlich jede Gesetzesverschärfung gegen Flüchtlinge ohne nennenswerten Widerstand durchgewunken wird.

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Freud, Sigmund. Totem und Tabu. Studienausgabe Band 9. S. Fischer. FFM. 1974

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  1. Bezeichnend für diese Einstellung ist die Zielsetzung der Wiener Helfer-Gruppe Train of Hope: „Ziel von Train of Hope ist es, Flüchtlingen ein Gefühl der Geborgenheit und eine sichere Weiterreise zu ermöglichen.“ (siehe http://www.trainofhope.at/train-of-hope/wer-sind-wir/, eingesehen am 18.12.2015) [back]

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