sick sad world

Das viel beschworene Ende der Geschichte scheint mit der Depression weltweit sein adäquates und verbreitetes psychisches Echo im Subjekt gefunden zu haben. Die müden Augen, bp8der monotone Ausdruck und die Antriebslosigkeit, welche klassischerweise die Spiegel der inneren Leere waren, sind zwar einer allgegenwärtigen Aktivität gewichen, aber hinter der offensiven Beweglichkeit vieler Zeitgenossen verschanzt sich eine tiefgreifende Resignation. Mit dem Ende des gesellschaftlichen Experiments, das 1917 mit den Schüssen des Panzerkreuzers Aurora begann und dessen lang angelegter Niedergang in den 90ern vollzogen war, schwand die greifbare Option auf eine Welt, die – wenn sie schon keine Versöhnung zwischen Individuum, Gesellschaft und Natur bot – zumindest im Groben das menschliche Glück als Maxime des Handelns betrachtete.

Wo der bürgerliche Liberalismus der Französischen Revolution schon lange Neoliberalismus und Postfaschismus weichen musste, hatte das sowjetische Experiment, trotz aller ihm innewohnenden und von ihm reproduzierten Gewalt, doch einen Schimmer der Hoffnung für das Individuum übrig. Dieser Schimmer scheint nach Jahrzehnten des Ausharrens zeitgleich mit der Sowjetunion erloschen. Die ostdeutschen Wendeverlierer kauften sich mit ihren ersten Westmark keine leuchtende Zukunft, sondern die unmittelbare Befriedigung, die das Geld her gab. Aber die unmittelbare Befriedigung hielt nicht und konnte nicht halten, was sie versprach, sie war und ist vielmehr die unmittelbare Einheit von Hoffnung und Enttäuschung, d.h. das Ende der Hoffnung. Diese Hoffnungslosigkeit erfuhren in den 90ern nicht bloß die konsumfreudigen Ostdeutschen, sondern auch all jene, die noch auf eine diesseitige Utopie gehofft und daher ihr eigenes Leben hinter der Sache der Linken, die ihnen mit der Sowjetunion zum Auslaufmodell geriet, angestellt hatten. Als in den letzten zwei Jahrzehnten dann ein starker Anstieg von Depressionen festgestellt wurde, ging man zunächst davon aus, dass verbesserte diagnostische Methoden und Entstigmatisierungen von psychischen Erkrankungen einzig ein bereits bestehendes Verhältnis sichtbar gemacht hätten. Einige Langzeitstudien später kann man hingegen mit Sicherheit sagen, dass depressive Störungen nicht bloß unter Linken und in sogenannten Krisenländern auf dem Vormarsch sind.

Großartige Ichverarmung

Sigmund Freuds wesentlicher Beitrag zur Entstehung von depressiven Störungen ist der Text „Trauer und Melancholie“. Hier stellt Freud die These auf, dass ein Objektverlust, wie man ihn etwa schmerzlich in bzw. am Ende der Liebe erfahren kann, zur Trauer, hingegen in seiner pathogenen Form zur Melancholie führt, d.h. das „Objekt ist nicht etwa real gestorben, aber es ist als Liebesobjekt verlorengegangen.“ (S. 199) Das verlorene Objekt bleibt bei der Melancholie im Zentrum der Aufmerksamkeit, wird über die Maße beklagt und idealisiert. Aber der Verlust ist nun nicht der des geliebten Objekts, sondern „mehr ideeler Natur“ (ebd.). Trotz aller gegenteiligen Beteuerung wird nicht das offensichtlich betrauerte Objekt vermisst, sondern der eigentliche Objektverlust ist dem Bewusstsein entzogen.

Bei der Depression, wie man sie heute kennt und wie sie scheinbar nicht Folge eines Objektverlusts ist, stellt sich heraus, dass auch hier etwas Verloren ist. Es ist zwar kein greifbares Objekt, aber wird von den Depressiven zumeist klar als Sinn bzw. Lebenssinn benannt. Auch der Depressive trauert also um etwas verlorenes, etwas was einstmals mit ihm identisch gewesen sein muss, doch ihm dann abhanden kam. Nimmt man nun an, dass das, wessen sich der Depressive sicher sein kann und muss, der Sinn ist, der ihm von der Gesellschaft tagtäglich gesetzt wird, daher seine Funktion als Subjekt der Warengesellschaft, muss der Sinn, der ihm verlustig gegangen ist, jenseits davon liegen. Es wäre daher nicht zu weit gegriffen, zu behaupten, dass es eben der Moment der Hoffnung auf ein menschliches Leben, d.h. ein Leben als sich seiner bewusst gewordenes Individuum ist, der bei der Depression abhanden kommt bzw. dessen totale Unvereinbarkeit mit dem Bestehenden dem Depressiven vom Vorbewussten ins Bewusstsein drängt. Aber statt zu einer kritischen Reflexion bleibt die Erkenntnis über den Widerspruch von Individuum und Warengesellschaft blind und perpetuiert so, was sie zu erkennen vorgibt. Obschon es mitnichten so ist, dass das Subjekt Totengräber des Individuums sein muss, schaufelt der Depressive nahezu lustvoll das eigene Grab und verdrängt die eigenen Möglichkeiten durch die stetige Behauptung ihrer Unmöglichkeit. Genüsslich wird die „großartige Ichverarmung“ (S. 200) zelebriert, während man sich selbst ganz mit dem Subjekt identifiziert, das einzig den gesellschaftlichen Anforderungen genügen soll. So ergeht es dem Depressiven wie dem verschmähte Liebhaber, der sich mit seiner ehemaligen Geliebten identifiziert und sein Ich masochistisch hintenanstellt, um am Eigenen lustvoll zu exorzieren, was eigentlich an Sadismus gegen die ehemalige Geliebte gerichtet ist. Der Depressive hasst die Gesellschaft, der er sich als Subjekt verschreibt, aber er kanalisiert diesen Hass, indem er ihn in totaler Identifikation mit der vorgegebenen Rolle gegen sich richtet. Der eigentliche Verlust, d.h. der Verlust der Hoffnung darauf, eines Tages doch als Individuum nach den eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu leben, wird dabei negiert und aus dem Bewusstsein getilgt.1

Es bleibt für den Depressiven das diffuse Gefühl, durch das eigene Handeln den Untergang des Ich erst besiegelt zu haben. Ein Gefühl, welches sich in Schuldgefühle wandelt, die, da der Verlust dem Bewusstsein versperrt ist, auf das Versagen gegenüber den gesellschaftlichen Anforderungen bezogen werden. Nicht die selbstauferlegte Versagung eines bewussten Lebens wird sich schamvoll eingestanden, sondern dass die eigene Optimierung für die Warengesellschaft nicht zur Genüge vollzogen werden kann, erscheint scham- und schuldbesetzt. Die Depression richtet sich so zweifach gegen den Menschen, einerseits indem sie ihm seine Hoffnungen verschütten, andererseits indem sie ihn unter den gegebenen Bedingungen zur Identifikation mit dem Bestehenden drängt.

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Freud, Sigmund. Trauer und Melancholie. Studienausgabe Band 3. S. Fischer. FFM. 1975

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  1. Dass es gerade das Sujet des individuellen und genussfreudigen Subjekt ist, das seit Jahren die Werbeindustrie dominiert und mittlerweile durch alle Klassen als Zielorientierung bei der Lebensplanung genannt wird, zeigt wie wenig die Hoffnung auf Individualität allgemein noch besteht und wie umfassend sie durch Phrasen abgelöst wurde. [back]

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