the palestinians are not the issue here

Die antisemitischen Gewaltausbrüche des Sommers zeigen einmal mehr, dass Juden in Europa nicht sicher sind1. Der Mut zur antisemitischen Gewalttat erwächst aus den heterogenen Bündnissen gegen Israel, welche bereits durch die Wahl ihrer Mittel ihren antisemitischen Charakter preisgeben.

Ein einendes Element der „pro-palästinensischen“ Proteste, die auch dieses Jahr wieder gegen Israel abgehalten wurden, sind Bilder von toten Kindern. Der Verbreitungsgrad dieser Bilder scheint dabei von der Grausamkeit der abgebildeten Todes-Szenerie abzuhängen. Je schrecklicher das Abgebildete, umso größer die Verbreitung in sozialen Netzwerken und auf Demonstrations-Plakaten. Wenn man Quellrecherche betreibt und die Hintergründe der Fotos offen zu legen sucht, führen die Spuren aber häufig nicht nach „Palästina“, sondern in den Irak oder nach Syrien. Viele der abgebildeten Gewalttaten stehen nicht im Kontext der Geschehnisse um Israel und seine Feinde, werden aber von den „Freunden Palästinas“ der israelischen Armee zugeschrieben. Konfrontiert man die Verbreiter von derlei Bildern mit den Ergebnissen derartiger Recherchen, reagieren diese weder überrascht noch beschämt. Stattdessen wird angeführt, dass das jeweilige Bild symbolisch für das Leiden des „palästinensischen Volkes“ stünde und die israelische Armee nun einmal Kinder töten würde, wenn nicht die abgebildeten, so doch sicher andere. Es gibt keinen Moment des Erschreckens vor sich selbst, keine Reflexion darüber, warum man nach Belieben aus dem Kontext gerissene Bilder toter Kinder einsetzt. Im Gegenteil: dass dem Individuum, welches das abgebildete Kind war, durch die Degradierung zum geschichtslosen Propagandawerkzeug noch ein letztes Mal Gewalt angetan wird, ruft bei den Verbreitern von derlei Perfidität nur Schulterzucken hervor.

Die Bilder sollen nicht über reales Unglück aufklären, sondern der Betrachter soll in der gleichen Unmittelbarkeit erstarren, in welcher ihre Verbreiter der Bilder gewahr wurden. Man soll die selbe morbide Lust am Ekel, die selbe Ambivalenz von Anziehung und Abstoßung verspüren. Es ist dieser emotionsgeladene Schauer, der seit Jahrhunderten die Mär vom „jüdischen Kindsmörder“ transportiert. Die Bilder sind dabei Anschauungsmaterial eines grausam zugerichteten Unbewussten, sie sind die „Wahrheit über die Juden“, welche die Antisemiten in sich tragen und die im Moment der Enthemmung an die Oberfläche des Bewusstseins drängt.2
Genauso verhält es sich mit der Parole „Kindermörder Israel“, die von keiner „pro-palästinensischen“ Demonstration mehr wegzudenken ist. Das Kind als reines Wesen, das unschuldig gebrochen wurde, ist bloßes Mittel, um Israel in der Kontinuität der mittelalterlichen Ritualmordlegenden zu denunzieren. Ob oder warum Kinder bei Militäroperationen sterben spielt dabei ebensowenig eine Rolle, wie das alltägliche Leid palästinensischer Kinder.3

Geteilte Wahrheit

Das Mantra vom „Kindermörder“ richtet sich nicht als Argument für den Frieden an die Außenwelt, sondern sucht die Einheit gegen Israel wegen des und durch den Antisemitismus. Den Protestierenden liegen nicht die Menschen in „Palästina“ am Herzen – dies würde eine Differenzierung voraussetzen, durch welche „die Palästinenser“ nicht bloß als idealisierte Volks- und Kindermasse wahrgenommen werden – , sondern sie nutzen die Menschen vor Ort als einigendes Mittel des Antisemitismus und reduzieren sie sogleich auf diese Funktion. Obwohl der eigene Zugang dem der staatlichen Herrschaft oder der medialen Aufbereitung nicht entgegengesetzt ist, stößt es den Antisemiten bitter auf, dass das Bündnis von Masse, Staat und Medien noch nicht zur Gänze hergestellt ist. So greifen sie die Medien für eine angeblich einseitige Berichterstattung an und werfen dem Staat vor, sich hinter Israel zu stellen. Dabei ist aber der Fokus nicht auf das reale mediale und staatliche Verhalten gegenüber den Konfliktparteien gerichtet, sondern einzig darauf, ob Staat und Medien die Berichterstattung der wahnhaften Wahrheit des Antisemitismus unterordnen. Die Medien sollen die grausigen Bilder unhinterfragt teilen und der Staat die Vernichtung Israels öffentlich durch seine Politik fordern und fördern. Zwar nimmt die Weltgemeinschaft die Demonstrationen wider Israel zumeist wohlwollend wahr, aber sie übernimmt nicht en bloc ihre Definition von Wahrheit. Das – und nicht eine mangelhafte Berichterstattung – ist es, was die „Freunde Palästinas“ anklagen, wenn sie von den manipulierten Medien sprechen. Nicht auf das reale Leid der Menschen vor Ort soll aufmerksam gemacht werden, sondern darauf, dass sich noch nicht alle unter dem Banner des Antisemitismus vereint haben.
Die Vermittlung der antisemitischen Wahrheit setzt am Menschen als einem naturgebundenen Reiz-Reaktions-Wesen an. Der authentische Mensch, welchen die Feinde Israels in ihren Aufrufen und Slogans mobilisieren4, starrt fasziniert auf die Bilder von geschundenen Kinderkörpern und definiert sein Verhältnis zum Geschehen über den Rückfall zur emotionsgeladen Irrationalität.
Die Wahrheit der Antisemiten ist das unmittelbar Erlebte, die permanente Wiederkehr der eigenen Projektionen, welche geschichts- und erfahrungslos jegliche Reflexion verstellen. Ein selbstständiger Ausbruch aus dieser narzisstischen Stagnation scheint kaum möglich und wird noch erschwert, wenn die Gesellschaft derlei antisemitischen Wahn – ganz der propagierten Emotionalität folgend – in verständliche Wut umdeutet und so Appeasement betreibt, wo konsequente Strafe sein sollte.

Erschienen in der aktuellen Ausgabe der Unique.

  1. vgl. . http://www.nytimes.com/2014/09/24/world/europe/europes-anti-semitism-comes-out-of-shadows.html [back]

  2. Wenn sich etwa in Gaza der „Nahost-Experte“ Jürgen Todenhöfer in der Ruine eines ausgebombten Hauses ablichten lässt und zuvor liebevoll mitgebrachte Spielsachen um sich arrangiert, hat er keine Propaganda im Sinn, sondern er projiziert seine Wahrheit auf den vorgefundenen Ort. Die Inszenierung des Eigenen in den Trümmern erfolgt im Sinne des antisemitischen Realismus, sie ist die makabere Materialisierung der wahnhaften Fantasie vom jüdischen Kindsmörder. (vgl. http://lizaswelt.net/2014/07/21/demagoge-des-mainstreams) [back]

  3. Dass nicht die Kinder beklagt werden, sondern einzig die antisemitische Projektion in die Welt geschrien wird, zeigt sich auch am Desinteresse, mit welchem der Kinderarbeit im Gaza-Streifen begegnet wird. So sucht man bei den Demonstrationen vergeblich nach Hinweise auf das elende Schicksal der Kinder, welche die Tunnelsysteme der Hamas bauten und bauen. (vgl. “http://palestine-studies.org/jps/fulltext/42605″http://palestine-studies.org/jps/fulltext/42605) [back]

  4. Siehe etwa den verbreiteten Slogan „Du musst kein Moslem sein um für Gaza einzustehen. Es reicht Mensch zu sein.“ [back]

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