Dem kleinen Hans sein Wiwimacher

Mit Graus stellen sich Eltern aller Länder immer wieder die Frage: wie umgehen mit infantiler Sexualität? Eine kleine Suche nach Antworten.

abSeit den Kontroversen um die Sexualtheorie Sigmund Freuds stößt die Annahme einer infantilen Sexualität auf Widerstand. Unabhängig von Bildung, ideologischem Hintergrund oder dem eigenen Kontakt zu Kindern findet sich auch heute noch ein gesellschaftsübergreifendes Spektrum, dass ein Jahrhundert nach dem Erscheinen der Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie1 vehement daran festhält, dass Kinder asexuelle Wesen seien. Kindliche Selbstbefriedigung wird zur juckenden Pilzinfektion verklärt, das sichtliche Interesse an Geschlechtsorganen anderer auf Missbrauchserfahrungen zurückgeführt oder das lustvolle Saugen an der Brust mit dem letzten zuckerhaltigen Mahl der Mutter begründet. Das Kind ist nach wie vor idealisiertes Objekt für die Wünsche und Ziele Erwachsener, die in ihm nahezu ausschließlich das Eigene wiederzuerkennen meinen. Sexuelle Regungen stören hier und laufen der propagierten Reinheit des Kindes zuwider. Es ist daher nicht sehr überraschend, dass noch immer allein der Begriff Pädophilie ausreicht, um eine Flut an Mordfantasien loszutreten und Kinder sich in der Werbebranche ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Da die süßen Kleinen vor allem mit den Projektionen der Erwachsenen ausgestattet sind, stößt die empathische Besetzung kaum an Grenzen und wendet sich gegen all jenes, welches das idealisierte Bild der kindlichen Unschuld in Frage stellt.

Die infantile Sexualität bleibt derlei Idealisierungen und Verklärungen aber entgegengesetzt. Sie erschüttert und verunsichert nicht bloß Generationen von Kindergärtnerinnen, sondern lässt auch bei deren Dienstgeber, dem subjektverwaltenden Staat die Alarmglocken klingen. Denn wo sich die Triebstrebungen der Erwachsenen leicht durch deren psychologische Befindlichkeit, Hobbys und Spektakel kompensieren lassen, muss das Kind erst noch von den individualisierenden Elementen der Triebstrebungen befreit werden, die das Subjekt im Sinne seiner ökonomischen Verwertbarkeit gefährden.

Die infantile Sexualität wird spätestens mit der analen Phase2 kindlicher Entwicklung als unmittelbare Konkurrenz der elterlichen und gesellschaftlichen Wünsche erkannt, da sich in ihr zum ersten Mal die individuellen Regungen des Kindes bemerkbar machen. Sie agiert durch ihr Wesen gegen die narzisstischen Bedürfnisse der Eltern und die gesellschaftlichen Anforderungen an ein formbares Subjekt. Die Strafe der Eltern, die gegen die sexuellen Handlungen und Interessen des Kindes gesetzt wird, richtet sich daher nur zum Teil gegen die Unsittlichkeit, sondern vorrangig gegen den Willen des Kindes, der den Ansprüchen von Eltern und Gesellschaft zuwider läuft. Nicht einzig die Tat wird geahndet, vielmehr soll das Kind sein, was man sich von ihm erhofft und die Last weitertragen, die man täglich auf den eigenen Schultern perpetuiert. Diese Last, würde sie nicht vom eigenen Nachwuchs weitergetragen werden, würde in ihrer ganzen Sinnlosigkeit über den Menschen zusammenstürzen.Da die eigenen Wünsche enttäuscht wurden und die eigene Zukunft nur mehr als stumpfe Reproduktion der zurückliegenden Jahre wahrgenommen wird, soll das Kind das antizipierte Ideal sein, welchem aber doch nicht mehr Raum geboten wird, als bloß Wiederkehr der Eltern zu sein. Diesem Anspruch ist es geschuldet, dass sich die Erziehung durch Eltern und Gesellschaft gegen die Triebstrebungen des Kindes richtet. Diese sind für die Gesellschaft nur bedingt tragbar und müssen daher – insbesondere in ihrem individuellen Streben – unterdrückt werden. Die Unterdrückung der Triebe aber führt nicht zu ihrer Auflösung. Vielmehr sickern sie ins Unbewusste und harren dort einer Gelegenheit, zurück zur Oberfläche des Bewusstseins drängen zu können. Sie kehren aber zumeist nicht in jener Form wieder, in der sie einst auftraten, sondern betreten als pathologische Kompensation erneut das Licht der Welt. Die Triebunterdrückung unter den Vorzeichen von elterlichem Narzissmus und gesellschaftlicher Konformität bringt psychisch gebrochene Wesen hervor.

cdAnders verhält es sich, wenn das Kind durch die erfolgte Triebversagung lernt seine „Triebziele solcherart zu verlegen, daß sie von der Versagung der Außenwelt nicht getroffen werden können. Die Sublimierung der Triebe leiht dazu ihre Hilfe.“3 Sie löst die Triebspannungen durch den individuellen Lustgewinn aus intellektuellen, künstlerischen oder psychischen Quellen. Die Sublimierung setzt statt des antisozialen Moments des Triebes gesellschaftstaugliche und zugleich individuelle Lustquellen. Durch sie lernt der Mensch, dass er weder der Natur noch der Gesellschaft ausgeliefert ist, sondern diese nach seinem Willen und zur eigenen Genese umformen kann. Eine Assoziation von Menschen, die mehr als eine barbarische Horde sein will, setzt eine Unterdrückung der sexuellen Triebstrebungen des Kindes voraus. Nicht weil es moralisch verwerflich ist, dass auch das Kleinkind bereits sexuelle Lust empfinden kann, sondern weil erst durch die Negation die Fähigkeit zur Sublimierung geformt wird. Um zu begreifen, dass die eigene Triebbefriedigung nicht alles ist und dem eigenen Streben Grenzen gesetzt sind, bedarf es der äußeren Autorität. Nur durch die Triebunterdrückung, die im „Untergang des Ödipuskomplexes“4 ihren Höhepunkt findet, kann das Individuum der Versuchung des Unmittelbaren Herr werden und sich gegen das regressive Moment der Triebe behaupten. Erst wenn man erlernt hat, die sexuellen Triebziele der frühen Kindheit zu zügeln und abzulenken, kann man neue Ziele, die jenseits der eigenen Erlebniswelt liegen, erschließen. Die Erziehung kann den narzisstischen wie autoerotischen Kosmos des Kindes durchbrechen und so den Grundstein eines Individuums legen, das sich nicht einzig ohnmächtig gegen die Welt zu behaupten sucht, sondern in und mit ihr wachsen kann. Die Repression gegen die infantile Sexualität muss im Sinne des werdenden Individuums sein und nicht einzig im Sinne der Gesellschaft, die ihre Resignation schon den Kleinsten angedeihen lassen will.

Erschienen in der aktuellen Ausgabe der Unique.

  1. Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Studienausgabe V. S. Fischer. FFM. 1972 [back]

  2. Der kindliche Wille zeigt sich im Kontext der analen Phase z.B. bei dem zurückhalten und preisgeben von Kot, der den Eltern entweder zum Geschenkt gemacht oder vorenthalten werden kann. Das Kind setzt hier willentlich eine Handlung bzw. ihr Ausbleiben und erfährt sich so als autonomes Wesen. (vgl. z.B.: Freud, Die Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, S.93) [back]

  3. Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. Studienausgabe IX. S. Fischer. FFM. 1974, S.211 [back]

  4. Freud meint hier die „positive Auflösung“ des Ödipuskomplexes. Der Sohn/die Tochter erkennt, dass das gegengeschlechtliche Elternteil nicht als Liebesobjekt verfügbar ist und identifiziert sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. (vgl. Freud, Sigmund: Der Untergang des Ödipuskomplexes. Studienausgabe V. S. Fischer. FFM. 1972, S.243) [back]

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