Im Dienste des Glücks

Die Widerstände gegen eine Welt, in welcher der Mensch glücklicher sein kann, als das Subjekt unserer Tage sind groß und vor allem in ihm selbst zu finden.

PGP 279.2A (framed: 50.80 x 40.64 cm) Untitled [Unemployed man -Nach Sigmund Freud ist das Glück der vom Menschen gesetzte Zweck des Lebens und entspringt der Ambivalenz von Lust und Unlust. Denn die Menschen „streben nach dem Glück, sie wollen glücklich werden und so bleiben. Dies Streben hat zwei Seiten, ein positives und ein negatives Ziel, es will einerseits die Abwesenheit von Schmerz und Unlust, andererseits das Erleben starker Lustgefühle.“1 Aber dem Glück droht permanent das Unglück. „Von drei Seiten droht das Leiden, vom eigenen Körper her, […], von der Außenwelt, […], und endlich aus den Beziehungen zu anderen Menschen“.2 Im Angesicht dieser Bedrohung ist es irritierend, dass die Menschen im gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustand verharren. Zum einen sind sie in ihm nur mehr Subjekte, denen sich die Last der drei Seiten potenziert, zum anderen scheinen die Möglichkeiten zur Lustbefriedigung begrenzt und das Erleben von Unlust an der Tagesordnung zu sein. „Man möchte sagen, die Absicht, daß der Mensch »glücklich« sei, ist im Plan der »Schöpfung«“3 und im Plan der herrschenden Gesellschaftsordnung nicht enthalten.

Eine Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Sein, die einer Veränderung vorausgehen müsste, ist aber von Mühen begleitet, die mit einem unmittelbaren Triebverzicht einhergehen. Letzterer wird zu einer „anhaltende[n] Unlustspannung“4, die einzig durch eine „Energieverschiebung“5 herabgesetzt werden kann. Diese Energieverschiebung verlangt einen „Einspruch des Über-Ichs“6, der den unmittelbaren Mühen eine zukünftige Lustbefriedigung entgegenhält. Aber das Lob der Autoritäten als integraler Bestandteil des Über-Ichs, ist bereits von Enttäuschung eingeholt worden. Die Gesellschaft verspricht Anerkennung für das Ausharren in ihr und lässt einzig weitere Restriktionsmaßnahmen folgen. Die Enttäuschung über die Gesellschaft ist so mit der Unlust, über die Gesellschaft zu reflektieren, verwoben und reduziert die Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Sein, auf eine oberflächliche Abneigung.
Die zwangsläufige Erkenntnis, dass die Gesellschaft, so wie sie gegenwärtig ist, vorrangig Elend und nicht individuelles Glück hervorbringt wird verdrängt. Dass der Mensch als handelndes Subjekt den Fortbestand dieser Gesellschaft garantiert, wird dabei von ihm ins Unbewusste verschoben. Indem die Subjekte trotz dieser verdrängten Erkenntnis, ihr Tun so ausrichten, dass sich am Status Quo nichts ändert, verfestigt sich sowohl in ihrem Tun als auch in ihrer Psyche das falsche Handeln zur obersten Maxime. Die tägliche Reproduktion gesellschaftlicher Zusammenhänge, welche die Subjekte etwa in ihrer reibungslosen Funktion als Ware Arbeitskraft vollziehen, stützt nicht bloß die kapitalistische Ökonomie, sondern manifestiert sich als Wiederholungszwang im Subjekt selbst. Dieser Wiederholungszwang ist nicht nur den äußeren Sachzwängen geschuldet, sondern legt vom Subjekt her einen Mantel der Geschäftigkeit über die Wahrheit des gesellschaftlichen Seins, um das eigene Tun nicht als falsches begreifen zu müssen.
Die Widerstände gegen das Verdrängte, die mit dem Wiederholungszwang an die Oberfläche treten, stehen im Dienste des Lustprinzips, working class pariswelches die Unlust, die im Bewusstwerden der Wahrheit steckt, ersparen will und an der unmittelbaren Befriedigung festhält. Da es das Verdrängte verdeckt und zugleich mit der regressiven Bewegung des Wiederholungszwangs das individuelle Fortschreiten behindert, steht das Lustprinzip nach Freud „im Dienste des Todestriebs“7. Das Lustprinzip ist Teil des Strebens zum Leblosen, nach dem sich das Subjekt, ganz „der konservativen Natur der Triebe“8 folgend, zurücksehnt, um dem permanent drohenden Einfall der Unlust auszuweichen. Sowohl die Triebe als auch das Subjekt folgen so dem Bekannten und sind schlechterdings in der Lage, die unbekannte Zukunft als lustvolle zu besetzen, da die bekannte Vergangenheit des leblosen Zustands verführerischer scheint.
Auch jenseits von Verdrängung und Wiederholungszwang ist das Subjekt auf das Bekannte und Unmittelbare ausgerichtet. Das Subjekt erlebt die Welt als eine, in der man selbst genauso austauschbar und beliebig ist, wie das Gegenüber. Daher flüchtet es zur narzisstischen Besetzung seiner selbst. Es findet im Spiegelbild das einzige Liebesobjekt, welchem es ungestraft und ohne Enttäuschungen huldigen kann. Die regressive Bewegung setzt sich im Narzissmus fort und verhindert, wie bereits beim Lustprinzip und beim Über-Ich, durch eine libidinöse Besetzung des Unmittelbaren den Zugang zur Abstraktion und Reflexion. So bedingt, kann das Subjekt keinen Bezug zu etwas herstellten, dass sich seinem direkten Erleben entzieht, sondern verlangt nach dem Konkreten. Es gleicht damit dem frühen Säugling, welcher sich selbst als zentrale Figur in der Welt erfasst, ohne zu realisieren, das es außerhalb der eigenen Erlebniswelt noch eine andere, gar interessantere Welt gibt. Wo beim Säugling die Entwicklung eine Differenzierung ermöglicht, die ihm schließlich die umgebende Welt eröffnet und aufzeigt, dass er nicht die Mutter und auch die Mutter noch nicht die Welt ist, stagniert das narzisstische Subjekt und zieht sich auf das Eigene zurück. Es perpetuiert den gesellschaftlich vermittelten Wiederholungszwang in seiner psychischen Konstitution und verhindert so, dass es selbst noch Grenzen zu neuen Erkenntnissen überschreiten kann.
Etwas Zukünftiges, gar das Sein des Menschen, der sich seiner selbst bewusst geworden ist, zu antizipieren oder vorauszusagen, wie es in diesem Sein um die Lust bestellt sein wird, ist dem narzisstischen Subjekt nicht möglich. Ein Verweis auf eine andere Welt, selbst wenn diese eine lustvollere sein soll, reicht nicht aus, um die Widerstände gegen die Wahrheit des gesellschaftlichen Seins zu überwinden. Einzig die „dialektische Bewegung, welche das Bewußtsein an ihm [dem Bewusstsein, Anm.] selbst, sowohl an seinem Wissen, als an seinem Gegenstand ausübt, in sofern ihm der neue wahre Gegenstand daraus entspringt“9, kann ihm Ahnung dessen sein, was in einer Welt möglich wäre, in welcher der Mensch für sich geworden ist, was er gegenwärtig nur an sich ist. Sie kann den gesellschaftlich vermittelten Dunstkreis durchbrechen, welcher das Subjekt umgibt und in welchem es sich, dem Lustprinzip und dem eigenen Narzissmus folgend, willentlich verborgen hält. Die Erfahrung ist das Reservoir des Individuums und ermöglicht eine Vorahnung darauf, was Lust und Unlust unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen sein könnten. Indem sie die Unlust des Triebverzichts in Hinblick auf zukünftiges Glück herabsetzen kann, ist sie der Hoffnungsschimmer darauf, dass Lust einmal mehr sein wird, als bloß Triebabfuhr und Regressionsbewegung.

Erschienen in der aktuellen Ausgabe der Unique.

  1. Freud, Sigmund: Jenseits des Lustprinzips. Studienausgabe III. S. Fischer. FFM.1975, S.208 [back]
  2. a.a.O. S.208-209 [back]
  3. a.a.O. S.208 [back]
  4. Freud, Sigmund: Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Studienausgabe IX. S. Fischer. FFM.1974, S.562 [back]
  5. ebd. [back]
  6. ebd. [back]
  7. Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. Studienausgabe IX. S. Fischer. FFM. 1974, S.271 [back]
  8. a.a.O. S.248 [back]
  9. Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes. Ullstein. FFM. 1970, S.62 [back]

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