Energy & Folklore statt Eros & Amore

Die Erotik-Messe „Eros und Amore“ tingelt alljährlich durch Österreich und Deutschland. Die Veranstaltungs-Website kündigt Niveau, Qualität und die Erfüllung erotischer Träume an. Hehre Versprechungen, die wir einer Realitätsprüfung unterzogen haben.

Wer sich schon einmal in die Shopping City Süd begeben musste, dem wird die architektonische Zumutung am Beginn des Einkaufszentrums nicht entgangen sein: die Pyramide Vösendorf. Sonst begegnet man diesem Bauwerk innerhalb der Wiener Stadtgrenze nur beim Anblick etwas schmuddelig wirkender neonfarbener Plakate, die den Gürtel und diverse Autobahnausfahrten säumen. Mindestens zweimal im Jahr bewerben diese in großen Lettern ein Event mit dem schlichten Titel „Erotikmesse“, das eben dort stattfindet. Nach Jahren der plakatförmigen Konfrontation mit dieser Veranstaltung können wir der Versuchung nicht mehr widerstehen. An einem verregneten Sonntag wagen wir uns zu „Eros und Amore“ in die Pyramide. Dort angekommen springen uns als erstes die Käse- und Brezelstände im Eingangsbereich ins Auge. Ihr autochthoner Charme konterkariert das Konzept des Messezentrums, mittels Kunstfelsen und Palmen ein tropisches Ambiente zu schaffen. Vor lauter Käse von Erotik erstmals keine Spur.

Die Website der Messe verspricht „Top Qualität durch die speziell ausgewählten internationalen Aussteller, die die gesamte Bandbreite des Erotikmarktes präsentieren“. Nach ein paar Runden ist uns klar, dass sich das nicht bewahrheiten wird. Die meisten Stände bieten das gleiche Repertoire an schleimhautunfreundlichen Sextoys und schlecht verarbeiteten Dessous an. Dazwischen einige Regale mit heimatverbundenen Pornos. Hobbyfotografen bei der Erweiterung ihres BildarchivsDie Protagonisten sind auffallend häufig „potente Lederhosenträger“ und „stramme Dirnen in Tracht“. Die Aussteller mit einem abweichenden Angebot sind überschaubar. Da ist etwa die deplatzierte Holzhütte, in der ein resigniert wirkender Herr handgeschnitzte Holzdildos aus dem Odenwald anbietet. Ein Stand offeriert Absinth, wohl der Annahme folgend, dass diese Veranstaltung nüchtern nicht aushaltbar ist. Auch ein Tätowierer, ein Piercer und ein Hersteller von Massagestühlen sind anzutreffen. Nach dem Probesitzen auf letztgenannten Stühlen, müssen wir feststellen, dass unsere Wirbel sich „Top Qualität“ anders vorstellen.
Bayern-Pornos, Odenwald-Vibratoren oder ein auf schwarz-rot-goldenem Grund erstrahlendes „Bondage made in Germany“ lassen keine Zweifel an der regionalen Verwurzelung der Veranstaltung aufkommen. Erotik und Pornografie jenseits deutsch-österreichischer Gefilde sind dem Publikum offenbar nicht zumutbar. Ebenso unvorstellbar ist es für die Veranstalter anscheinend, dass „Eros und Amore“ auch ein homosexuelles Publikum ansprechen könnte. Zwar gibt es Artikel zu kaufen, für die Homo- wie Heterosexuelle Verwendung finden können, doch kein einziger Stand oder Programmpunkt richtet sich dezidiert an ein nicht-heterosexuelles Publikum. Dabei sind durchaus einige Paare gleichen Geschlechts unter den Messebesuchern.
Es erstaunt, dass die Messeveranstalter diese potentielle Zielgruppe nicht ansprechen. Erscheint es doch in Zeiten des Internets recht unattraktiv, das Produktangebot der Messe in Anspruch zu nehmen. Kaum jemand zückt angesichts der horrenden Preise den Geldbeutel und sogar in der zwanglosen Atmosphäre offen zur Schau gestellter Sexualität scheint niemand sich in der Schmuddelfilmecke sehen lassen zu wollen. Vielleicht liegt das aber auch an dem Pornoverkäufer, der gelangweilt Spaghetti-Bolognese in sich hineinschaufelt, während er lustlos das vorbeiströmende Publikum beäugt.

Wanderzirkus und Völkerschau

Doch das Warenangebot erscheint für den Großteil der Anwesenden ohnehin nur sekundärer Grund für den Messebesuch zu sein. Die Hauptattraktion sind die im Halbstundentakt stattfindenden „neuen erotischen Choreographien in raffinierten Kostümen“, so beschreibt die Website die Performances. Wir müssen rasch feststellen, dass auch hier Dargebotenes und Ankündigungstext wenig miteinander zu tun haben. Die Mehrheit der Besucher verfolgt die Shows aber mit nahezu sakraler Andacht. Moderator Dieter Deutsch (der Name ist Programm) kündigt die Shows an und erinnert dabei an einen etwas obszönen Zirkusdirektor auf Speed. Überhaupt gleicht die ganze Veranstaltung einem Wanderzirkus. Das Publikum wird routiniert umworben, sichert es doch die gewiss nicht gerade horrenden Gagen der Auftretenden. Gleichzeitig gelingt es kaum einem der Darsteller, die Langeweile, die bei den immer gleichen Darbietungen aufkommen muss, zu verbergen.
Neue Choreographien in raffinierten KostümenDer Titel des ersten Programmpunkts, den wir verfolgen, ist „Silver Cocks und Edward mit den Scherenhänden“. Eine mit einem mittelalterlichen Kleid aus Vollsynthetik bekleidete Dame betritt die Bühne. Ihr folgt ein muskelbepackter Edward mit selbstgebastelten Scherenhänden aus Alufolie. Die Musik ist laut und gitarrenlastig, die Lichter grell, die Dame schnell entkleidet. In schönster Musical-Manier bewegen beide den Mund zum Gesang. Performance und Kostüme sind offenkundig liebevoll selbst kreiert. Das Publikum honoriert diese Bemühungen mit ehrfürchtigem Staunen. Die für uns schwer verständliche Geschichte scheint eine gewisse Romantik zu transportieren. Auffällig viele Pärchen haben sich vor der Bühne versammelt und schunkeln Arm in Arm. Nachdem der mittlerweile ebenfalls nackte Edward seine Partnerin ein paar Mal durch die Luft gewirbelt hat, ist der Spaß auch schon wieder vorbei. Der nächste Act wird anmoderiert. Mark Miller, so heißt es, werde nun „den Ladies“ etwas bieten. Das Publikum wechselt, bleibt aber überwiegend männlich.
Ganz dem Modell historischer Schausteller folgend, scheint Miller das Völkerschau-Element des Spektakels erfüllen zu müssen. Als schwarzer Darsteller ist er, mit Kunstafro und Rasseln ausgestattet, ganz auf rassistische Klischees reduziert. Dass sein Strip in einer Fixierung auf den Penis endet, verwundert bei einer solchen Präsentation nicht. Aber Rassismus allein scheint die abgründigen Sehnsüchte der Zuschauenden nicht zu befriedigen. Es bedarf auch noch einer chauvinistischen Pose, um das männliche Publikum bei Stange zu halten. Eine Besucherin wird auf die Bühne gehievt. In der Abschlussszene liegt Millers Penis auf ihrem Kopf. Nach der Performance betritt Dieter Deutsch grinsend die Bühne und vollendet das Ulrich Seidel-Szenario. Während Mark Miller weiter auf der Bühne posiert, wendet sich der Moderator an einen jungen Mann in der ersten Reihe. Er fordert ihn hämisch auf, doch ein paar Nahaufnahmen vom Penis des Strippers zu machen: „So einen schwarzen Rüssel siehst Du sonst nur auf Jamaika.“

Zwischen Hobby und Triebabfuhr

Neben der großen Showbühne gibt es noch mehrere kleine Podeste auf denen „traditionell“ gestrippt wird. Hier stechen besonders einige ältere Männer hervor, die sich mit professioneller Kameraausrüstung vor den Bühnen positioniert haben. Verbissen beanspruchen sie ihre Plätze in der ersten Reihe. Ihre Objektive richten sie akribisch auf die sich entkleidenden Frauen. Den routinierten Handbewegungen der Stripperinnen sieht man die Tristesse ihres gleichförmigen Broterwerbs an. Die Hobbyfotografen ähneln mit ihren ernsten Mienen jenen Gestalten, die man auch an Flughäfen und Bahnhöfen antrifft, wo sie an Wochenenden ein- und abfahrende Fahrzeuge ablichten. Von Erotik auch hier keine Spur. Die posierenden Frauen scheinen für sie Sammelkartenmotive zu sein, die rasch ordnungsgemäß archiviert werden müssen. Bei den Einzelshootings beobachten wir dann auch keine ungestümen Annäherungsversuche, sondern bloß zügiges und schüchternes Abfotografieren.Hobbyfotografen bei der Erweiterung ihres Bildarchivs 2
Betrachtet man dieses Szenario ist es kaum vorstellbar, dass diese Personen auch das Klientel der anwesenden Prostituierten sind. Dass auch derartige Dienstleistungen Teil des Angebots sind, bleibt auf der Website der „EROS & AMORE” gänzlich unerwähnt. Es sei denn, man ist gewillt, dies aus der Formulierung herauszulesen: „Alles wird getan, um die Erotik-Messe zu einem wahren Fest für alle Sinne werden zu lassen.“ Vor dem Zugang zu einem sichtgeschützten Bereich stehen zwei leichtbekleidete Damen. Ihre gelegentlichen „Gangbang“-Rufe verhallen zumeist unerhört in den Weiten der Pyramide. Neben ihnen sitzt ein Herr in einem auffällig blauen Jackett. Würde man seinem Goldschmuck, seinem breiten Grinsen und seiner glänzenden Kopfhaut bei einem Zuhälter aus dem „Tatort“ begegnen, würde man sich über die klischeehafte Darstellung wundern. Geduldig lauschen zwei männliche Muskelberge den Ausführungen von „Video Rudi“. Dieses Gesamtbild verschreckt uns etwas, so dass wir erst bei der nachträglichen Internetrecherche Rudis Imperium bestaunen können. Der ungekrönte König der kommerziellen Wiener Gangbang-Szene veranstaltet regelmäßig „Gruppenfickereien“ zum kleinen Preis, bei denen die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen vermutlich eine genauso große Rolle spielen wie Lust und Erotik.
Bei der Vösendorfer Veranstaltung scheint „Video Rudi“ gut etabliert zu sein. Sein Stand zählt zu den größten auf dem Messeareal und bietet neben einigen Werbezetteln routinierte Sadomaso-Shows. Dass auf den Flyern nicht bloß die „Video Rudi“-nahen Swingerclubs, sondern auch ganz explizit Sexarbeiterinnen beworben werden, ist auf der Messe kein Einzelfall. So stolpern wir auf dem Weg zum Ausgang noch über den Werbestand eines Laufhauses und bekommen zum Abschied Energydrinks in die Hand gedrückt, die mit den Konterfeis der „Engelchen&Teufelchen“ eines „Premium Escorts“ bedruckt sind.
Der versprochene „grenzenlose Basar erotischer Phantasien“ beschränkt sich in Vösendorf auf Menschenverachtung und Billigprodukte. „Prickelnde Überraschungen“ kann einem hier allenfalls noch der Inhalt von Getränkedosen verschaffen. Doch traurigerweise ist dies außerhalb der Pyramide kaum anders.

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Die Reportage von Genossin Schmidt und meiner Nichtigkeit erschien zuerst in der Online-Ausgabe des ÖH-Magazins Progress.

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