Und schreite ich sodann den Kahlenberg hinan

Das herbstliche Wandern bleibt eines der letzten Refugien der gemächlichen und ruhigen Ausflügler. Doch auch im tiefsten Wald lauert die Tristesse der Alltäglichkeit hinter jedem Baumstamm.

2Der Wanderer verlässt im Morgengrauen sein städtisches Heim und macht sich auf, der Stadt zu entfliehen. Während andere ihrem Tagewerk entgegen gehen, den Kopf mühsam auf die Schulter stützend, den Weg zur Lohnarbeit bestreiten, reist der Wanderer frohen Mutes dem Stadtrand entgegen. Er sieht die Arbeiter dem Bus entsteigen, den Malerlehrling leeren Blickes, betäubt vom Schlafe und dem Stumpfen dröhnen seiner Kopfhörer, auf die Straße sinken. Aber er selbst bleibt genügsam sitzen. Auch wenn sich bei den letzten Häusern der Stadt der Bus geleert hat, verharrt er noch stoischer Ruhe und mustert aufmerksam die vorbeifliegende Landschaft. Am Waldrand entsteigt er dem Gefährt, schlendert zwischen still schlummernden Villen dem Dunst der ersten Baumreihen entgegen und atmet die kalte, nasse Luft des Morgens.

Im Schutz des Waldes fallen die Lasten des Alltags mit dem herbstlichen Laubwerk zu Boden, entgleiten dem geschundenen Subjekt mit dem gemächlichen Anstieg des bewaldeten Hügels. Auf dem schmalen Pfad, im Dickicht des Gebüschs, bleibt ein Mensch, der zunehmend auf sich selbst und die Geräusche des Waldes zurückgeworfen wird. Wie die Hand des Wanderers flüchtig das Geäst auf Augenhöhe beiseite schiebt, kann er der eigenen Existenz als Individuum, dass einst der Natur entstiegen ist, um mehr zu sein als bloßes Naturwesen, für einen Augenblick gewahr werden. Manch ein Wanderer verzweifelt in diesem kurzen Moment an der Einsicht über das bisherige Scheitern, verliert sich eilends in Naturromantik und der Sublimierung des eigenen Seins unter ein großes Ganzes. So verwirrt von der eigenen Ohnmacht, wird dieser Wanderer mit Stolz geschwellter Brust heimkehren, sich bei Tisch niederlassen und donnernd behaupten, die Unbedeutsamkeit der eigenen Existenz vor dem Weltenlauf erkannt zu haben. Für ihn war die Wanderung mit der fraglichen Einsicht bereits beendet. Seine Füße trugen ihn bloß noch erhaben durch den verklärten Wald der Heimat oder die monumentalen Bäume der Vorzeit. Im Moment der Reflexion hat er sich gegen die Reflexion gewandt und sich selbst in seiner Abwehr nivelliert.
1Dem Wanderer hingegen, der sich der Reflexion nicht versperrt, erschließt sich vielleicht Traurigkeit und Ohnmacht, aber dennoch wird er auch die Möglichkeit haben, sich seiner selbst bewusst zu werden. In dem Moment, wo er aus der ruhigen Distanz auf sein tägliches Leben schaut, kann er womöglich die Wahrheit des täglich wiederkehrenden Zwangszusammenhangs, der vom Menschen geschaffen, dem Menschen entglitten ist, als gesellschaftlich notwendige Lüge erkennen.

Das Ende der Wanderlust

Ganz anders verhält es sich bei dem sportbegeisterten Wanderer, der mit seinen funktionalen wie hässlichen Gore-Tex Trekkingschuhen durch den Wald stapft, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Tarnkappe der Verhältnisse hat er sich zur zweiten Haut gemacht und schiebt nun seine North Face-Jacke grob durchs Gestrüpp, wie er sie auch sonst rücksichtslos an den Menschen im Supermarkt vorbeidrängt. In seiner Unfähigkeit sich überhaupt auf das Objekt ihrer Wanderung einzulassen, sieht er immerzu nur sein verschwommenes Ich-Ideal, sieht seine Kondition steigen, seine Muskeln schwellen und verliert sich selbst im Schweißbad des Narzissmus. Er wird in seiner Plumpheit einzig noch von dem Nordic Walker übertrumpft, der einem scheinbar zu jeder Jahreszeit den Ausflug ins Grüne verleiden will. In der Vehemenz, mit welcher dieser seine Stecken in den Waldboden rammt, kommt die ganze Hilflosigkeit des Subjekts zum Vorschein. Es hetzt der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher, 3versucht dem stetigen Voranschreiten ebenbürtig zu werden und stößt seine Stecken nicht in die Erde, um sich selbst Einhalt zu gebieten, sondern um sich selbst geschwind vorwärts zu stürzen. Der verbitterte Blick des Nordic Walkers streift nicht durchs dichte Unterholz, ruht nicht auf einem einsam darnieder liegenden Baumstamm oder den gebrochenen Strahlen der Sonne am Blätterdach. Er ist fest nach Vorn gerichtet, haftet an einem Zielpunkt, der von dem Weg und der mit diesem einhergehenden Erfahrung nichts wissen will. So wird das Ziel zum omnipräsenten aber leeren Sinn des Seins, jeder Schritt dorthin wiederholt nur beständig und identisch den vorangegangenen. Die Wahrheit der Verwertung des Werts ist bei ihm zur endgültigen Wahrheit des Subjekts geronnen und lässt ihn auch im finstersten Wald nicht mehr los.

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