Die Idee ist gut doch die Welt noch nicht bereit

Wer in die Ferne sehen will, sollte den Flimmerkasten ausmachen und am besten gleich nach der Psychoanalyse mit der roten Fahne auf die Barrikaden klettern. Alles andere bleibt bis zum Ende der menschlichen Vorgeschichte nur narzisstische Spiegelung mit geringem Unterhaltungswert.

tv2Seit der Mensch das Fernsehen erschuf, war es stets umstritten, befeindet, der Dummmacherei denunziert und von vielen verschmäht. Hätte die Fernsehunterhaltung an sich nur den Anspruch zu unterhalten, all diesen Vorwürfen könnte mit Schulterzucken begegnet werden. Aber das Fernsehen beinhaltet dem Namen nach noch den Blick auf mehr, den Blick in die Ferne, an andere Orte, eventuell gar in eine bessere Welt. Leider scheint dieser Blick in die Ferne immer mehr der Vergangenheit anzugehören, einer Vergangenheit wo zur besten Sendezeit sogar geistreiche Diskussionsrunden über Utopie noch möglich waren, ohne dass dabei die Beteiligten nur intellektuelle Selbstbefriedigung betrieben oder das Publikum fleißig alles abnickte, was ihm unabhängig vom Topoi zur eigenen Erbauung herhielt. Das Fernsehen schien sich noch beim Namen zu nehmen als es Serien und Illusionen erschuf, welche unabhängig vom blödsinnigen Inhalt doch zum Abschweifen in die Ferne einluden, das Publikum kurzzeitig aus der Welt nehmen konnten, ohne es in der Stunde der Abwesenheit noch weiter mit der trüben Alltäglichkeit zu belästigen.
Es scheint so, dass die Menschen vor den Bildschirmen die Fähigkeit verloren haben sich auf derlei Betrachtungsobjekte einzulassen. Aber auch unabhängig vom Publikum scheint sich im Fernsehen eine Transformation hin zum Nahsehen zu vollziehen.

Letztes Jahr im Sommer

Das Ende 2012 eingestellte Talkshow-Format „Roche und Böhmermann“ brachte die Verkümmerung der Fernsehkultur hin zum Nahsehen treffend auf den Punkt. Die Gesprächsrunden waren hier nahezu willkürlich zusammengestellt, richteten sich einzig noch nach den aktuellen Promotiontouren sowie den Konfliktpotentialen der Gäste. Im Retro-Studio mit Raucherlaubnis und Whiskyverköstigung durften sich alle Beteiligten für eine Stunde über Gott und die Welt auslassen. Das lustige Geplätscher erinnerte nicht von ungefähr an einen bierseligen Freitagabend mit Kommilitoninnen und Kommilitonen, einen bunt durchmischten Haufen, der sich eigentlich nichts zu sagen hat, aber um der Selbstdarstellung willen doch nicht davon lassen kann Meinungen von sich zu geben und spätestens nach dem dritten Bier droht in eine peinliche Rührseligkeit zu kippen. Sich würdevoll in Szene zu setzen, gar ernsthaft Inhalte zu diskutieren, war hier genauso wenig angelegt wie bei „Willkommen Österreich“ oder „Markus Lanz“. Ganz im Sinne der Beliebigkeit von Denken und Handeln wurde sich bei „Roche und Böhmermann“ explizit an nichts abgearbeitet. Das antiquiert anmutende Studio war dabei zwar noch intramedialer Verweis auf die Vergangenheit, diente aber, wie die abgeranzten 60er Jahre Sessel im studentischen Beisl einzig der Hoffnung darauf, aus der Vergangenheit noch so etwas wie Charme zu erhaschen, den man selbst nicht mehr Aufzubringen in der Lage ist.
Im Zentrum von „Roche und Böhmermann“ standen schlussendlich nur Charlotte Roche und Jan Böhnemann. Sie waren die Identifikationsfiguren für ein Publikum, das sich in ihrem selbstverliebten wie inhaltsfreien Geschwafel wiederfinden konnte. Das die anderen B- und C-Promis, welche meist unvorbereitet in der Talkrunde aufschlugen, von Roche und Böhmermann gerne mal per „innerem Monolog“ unterbrochen oder direkt beleidigt wurden, zeugte dabei nicht nur von der schlechten Kinderstube des Produktionsteams, sondern davon wie sich das narzisstische Ego mit all seiner emotionsheischenden Oberflächlichkeit im Fernsehen behaupten kann.

Die Folter endet nie

Im Fernsehen der 2000er Jahre wurde aufgehört, tv3sich selbst inhaltlich auch nur annähernd ernst zu nehmen und diese Selbstaufgabe gilt allgemeinhin eher als Distinktionsgewinn denn Verlust. Wenn die 28 jährige Philosophiestudentin bei „Shopping Queen“ mitmacht, durch die Ladenzeilen hetzt und unter den gehässigen Kommentaren des Modedesigners Guido Maria Kretschmer zum Gespött des Publikums wird, weiß sie freilich um ihre Lächerlichkeit. Der ironische Bruch ist selbst in die hintersten Ecken des Trash-TV vorgedrungen und gehört mit zum notwendigen Repertoire jedes narzisstisch-voyeuristischen Formats.
Es ist folgerichtig nicht mehr bloß die Unterschichtenbeschau der 90er, die jeden Nachmittag über den Bildschirm flackert. Unter der Dunstabzugshaube beim „Perfekten Dinner“ steht das eigene Ebenbild, ironisch über dem Format stehend, doch zugleich mittendrin. Die Distanz zwischen dem Ich und dem Objekt der Betrachtung ist nun mehr nicht existent. Während bei der Avantgarde von derlei Aufhebung, also den deutschsprachigen Soap Operas und Talk Shows der vergangenen Jahrzehnte noch ein gewisser Skurrilitäten-Faktor mit im Spiel war, der sie der Identifikation zu entheben wusste, ist dieser nun der Programmnormalität eingemeindet worden. Wo sexuelle Perversionen, esoterische Spinnerei oder rebellische Jugendkultur als notwendiges Eingeständnis an das Realitätsprinzip des Marktes duldbar wurden, werden sie auch auf der Mattscheibe zur abgeschliffenen Dreingabe der Reproduktion.

Tag der Toten

Die Entwicklung hin zur Entzauberung des Mediums quasi als Spiegelbild der Entzauberung des Menschen lässt sich auch im Hinblick auf die allseits beliebten Serienformate nur allzu deutlich konstatieren. Während in den 60ern noch Serien wie „Mit Schirm, Charme und Melone“ durch makelfreie Hauptcharaktere glänzten, denen Fehler nur unterliefen, um stilsicher behoben zu werden, muten die Serien der heutigen Zeit wie eine permanente Wiederholung des täglichen Scheiterns an. Bei „the Walking Dead“ stolpert der Hauptprotagonist unbeholfen und zunehmend verzweifelt von einem Ambivalenzkonflikt in den nächsten und muss lernen wie wichtig auch im Angesicht einer gehirnmampfenden Zombiehorde noch die Verfeinerung von soft skills ist, beim Fantasyformat „Game of Thrones“ wird jeder Anflug von Idealisierung der Charaktere mit einer Offenlegung ihrer psychologischen Befindlichkeiten gebrochen und noch das gutmütigste Kind zur zynischen Abgeklärtheit gedrillt. Überall regiert die Tristesse des durchschnittlichen Elends und selbst im Anblick der Zombieapokalypse muss die Posttraumatische Belastungsstörung genauso gemeistert werden wie die richtige Kindererziehung. Den Charakteren aus Serien und Filmen wird zunehmend alles angehängt, was auch die Normalsterblichen umtreibt. Das Ausagieren jeder Gefühlsregung und jedes Zweifels macht so noch aus der fantastischsten Figur nichts weiter als die Verlängerung des Eigenen. Auf dem Fernsehbildschirm werden, wie im Kino, kaum noch Welten geschaffen, die zur Flucht, zum zeitlich begrenzten Exil einladen, sondern bloß Abziehbildchen des Realen. Ein Begriff von Ferne fehlt den bewegten Bildern eines „Herr der Ringe“-Films genauso, wie dem Pauschalurlaub in Neuseeland.

Der gute Rat

tv1Es bleibt die Bespaßung mit dem Alter Ego auf dem Bildschirm. Diese ist dem Publikum nicht konträr entgegengestellt, sondern befriedigt die narzisstische Überhöhung, die das Ich sich konstruiert, um im Angesichts der kapitalistischen Verwertung seiner Selbst nicht gänzlich an der eigenen Überflüssigkeit zu verzweifeln. Wo die Drohung der Austauschbarkeit omnipräsent ist, sind keine außerordentlichen Charaktere mehr gefragt, da diese ja darauf verweisen könnten, dass jemand fähiger oder individueller als man selbst sein könnte und der Verweis auf etwas gänzlich anderes ohnehin eher zum Trübsal führt als zur Reflexion. Gefragt ist vielmehr die eigene ohnmächtige Spiegelung, die zumindest temporär im Fernsehen von Bedeutung zu zeugen scheint. Die Bedeutung verhallt aber mit dem fortschreitenden Verfall des klassischen Fernsehens und nur einzelne Relikte à la Elizabeth Spira halten noch die Illusion von Bedeutung aufrecht, von welcher die Apologie des stumpfen Wohlgefallens von Charlotte Roche bis Till Schweiger zerrt. Da dem so ist und da es nun wirklich keiner weiteren Maßnahmen bedarf den Menschen im Masochismus der narzisstischen Spiegelung noch Ruhe und Behagen zu suggerieren, wo keine Ruhe und kein Behagen sein kann, ist getrost auf weitere Zahlungen an die GIS/GEZ oder etwaige Versteckspielchen mit eben dieser zu verzichten.

Erschienen in der aktuellen Ausgabe der Unique.

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