Nichts zu feiern

Nachfolgend ein Aritkel des Genossen Michail Awakowitsch zum Wiener „Fest der Freude“.

Am 8. Mai wurde in Wien zum ersten mal ein „Fest der Freude“ anlässlich der militärischen Niederschlagung des Nationalsozialismus begangen. Ein weiteres gutes Beispiel dafür, wie hierzulande mit zeitlicher Verzögerung die realpolitischen Erfolgsmodelle Deutschlands kopiert werden.

Während der 8. Mai in Wien traditionell eher als erweiterter Volkstrauertag angesehen wurde, kippte dieses Jahr die Staatsräson. Aus der Beschwörung des unschuldigen Österreichs, das schmerzlich seine Kinder vom deutschen Nationalsozialismus zu Grabe tragen ließ, wurde die Freude über die Besetzung durch die Alliierten und über die Niederschlagung der Armeeverbände des Nationalsozialismus am 8. Mai 1945. Die Schmach über die militärische Niederlage der eigenen Groß- und Urgroßelterngeneration und das Versagen der großdeutschen Träumerei spielen auf einmal keine Rolle mehr in der österreichischen Staatsräson. Sie erscheinen nun vielmehr als unnötiger Ballast denn als gesellschaftlich noch tragfähig.

Der 8. Mai ist der österreichischen Politik dieses Jahr zum Fest der Freude geworden, zur Loslösung von Kriegstrauma und Massenmord, welche so schwer über der Zweiten Republik hingen. Die Panzer der Roten Armee, die seinerzeit die Wiener in Angst und Schrecken versetzten und in deren Dröhnen und Rattern gar schon die erwartete Vergeltung für die begangenen Gräueltaten mitzuschwingen schien, sind 2013 zu Vorboten des gesellschaftlich stabilen und krisensicheren Österreich mutiert. Sie haben 2013 Österreich befreit, nicht nur von den Deutschen, sondern auch von den Nazis in den eigenen Reihen. „Das erste Opfer des Nationalsozialismus“ ist nun nicht mehr Opfer, sondern in Anerkennung seiner Schuld und mit positivem Bezug auf den 8. Mai 1945 eine Nation mit Ablassschein. Etabliert wird ein positiver Bezug zu dem Tag, der bis dato als Übergabe der Fremdherrschaft vom Piefke zum Russen galt und somit im besten Fall als Übergang vom großen zum kleinen Übel und nicht umgekehrt.
Aber so ist es nun einmal mit der Staatsräson in Österreich, da wird jahrelang der deutschen Bewältigungs- und Verwertungskultur der nationalsozialistischen Vergangenheit hinterhergechelt, um irgendwann dann doch noch den Aufsprung auf den Zug des geläuterten Antifaschismus zu schaffen.
Solcherlei Modernisierungsprozesse gehen freilich zu Lasten derer, die nostalgisch noch im Vergangenen graben. So standen am 8. Mai noch einige Erinnerungsexemplare an die einstige Elite der NS-Studentenschaft verstreut auf dem Heldenplatz herum und betrachteten steinernen Gesichts das Gedenkspektakel. Sie mussten gar mitansehen wie ihr Wiener Symphonieorchester posthum den Einmarsch der Roten Armee mit Beethoven willkommen hieß und merkten wie ihnen endgültig der Boden unter den Füßen wegbrach. Zwar jubelte auf dem Heldenplatz die Masse in Reminiszenz an den 15. März 1938, aber es war nicht der ersehnte und kraftvolle Jubel der die rechte Revolution willkommen hieß, sondern der Jubel über den antifaschistischen Befreiungsschlag von Staat und Nation. Auch um die versprengten Vertreter der radikalen Linken war es in Sachen Verwirrung und Ratlosigkeit nicht besser bestellt. Unschlüssig wie mit der Situationen zu verfahren sei, dass man einmal nicht im performativen Akt einer antifaschistischen Demonstration gegen den Personifizierten Nazismus im Wichs demonstrieren oder den Staat wegen seines mangelnden Antifaschismus zur Verantwortung ziehen konnte, wurde fleißig nach Narbengesichtern Ausschau gehalten, um diese flux für die szeneeigene Sammelkartenleidenschaft abzufotografieren. Manch Andere hatten es sich zur Aufgabe gemacht der österreichischen Zivilgesellschaft noch einen Anstoß mehr zu geben mit der neuen Staatsräson ins Reine zu kommen und präsentierten dem Konzertpublikum ein Transparent mit dem kernigen Appell: „Antifaschismus nicht dem Staat überlassen!!“. Sowohl dem „Antifaschistischen Infopoint“ am Maria-Theresien-Denkmal, als auch den bunten Luftballons am handgemalten Transparent gelang es im Laufe des Abends anscheinend die Aufmerksamkeit der Heldenplatz-Laufkundschaft zur allgemeinen Zufriedenheit zu okkupieren und so verzichteten schließlich sowohl Pink- als auch Black Block Akteure auf eine Konfrontation mit den anwesenden Burschenschaftlern und lauschten andächtig den Klängen von Beethovens Siebter. Passend brachte der Geschäftsführer der Wiener Symphoniker Johannes Neubert bereits im Vorfeld des freudigen Spektakels auf den Punkt, was sich am Abend des 8. Mai 2013 manifestierte: „Musik ist eine universelle Sprache und wie geschaffen dafür, über weltanschauliche Grenzen hinweg Brücken zu bauen.“
Im Angesicht von derlei Belanglosigkeiten kann sich durchaus die Frage gestellt werden, warum in Österreich noch niemand auf die Idee kam, Ende der 40er ein Fest der Freude zu feiern. Es wäre zu hoffen, dass die ideologische Beliebigkeit, mit der heuer an die Vergangenheit herangetreten wird, damals von den Besatzungsmächten mit der notwendigen Repression gekontert worden wäre.
Die Sowjetunion hatte zumindest 1955 bei Unterzeichnung des Staatsvertrags noch fixiert, wer Verlierer und wer Sieger des 2. Weltkriegs war und somit auch den Erhalt des Heldendenkmals der Roten Armee am Stalinplatz – heute irrtümlich Schwarzenbergplatz genannt – als Zeichen des Sieges über Österreich fundamentiert. Das Heldendenkmal war und ist nicht von ungefähr noch Hassobjekt vieler in diesem Land. Dort lagen einst Rotarmisten begraben, die beim Kampf um Wien ihr Leben ließen, Menschen die ihr Leben ließen, da es ihnen von Österreich und Deutschland aufgedrängt ward gegen Westen zu ziehen und um ihr Leben, aber auch das Leben der österreichischen Juden zu kämpfen.
Dass Faymann nun am Heldenplatz von seinem Stolz auf die antifaschistischen Österreicher faselt, womit er vermutlich vorrangig seinen wertvollen Beitrag dabei meint, ein paar irre Burschenschaftler vom Demonstrationsrecht befreit zu haben, und dass das Publikum in trauter Eintracht mit der Staatsräson ehrfurchtsvoll den Klängen von Strauss und Beethoven lauscht, ist in Hinblick auf das, was vor dem 8. Mai 1945 geschah, nicht nur dreist, sondern schreit förmlich nach einer Wiederbesetzung durch die Alliierten Streitkräfte.

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