Volksmusik der Deklassierten

aFrei.Wild ist eine Band aus Südtirol. In Südtirol ist das Leben nicht sonderlich hart. Es gibt zwar Berge, auf denen man bis zur Besinnungslosigkeit herumkraxeln kann, aber die Eingeborenen im Norden Italiens überlassen das Kraxeln lieber den Touristenhorden, die das Land in den Sommermonaten zur Freude des örtlichen Gastgewerbes heimsuchen. Mit einer verschwindet geringen Arbeitslosenrate und dem schönen Bergpanorama steht es um die Südtirol nicht schlecht bestellt. Schwer vorstellbar, dass in diesem Idyll Jungmänner Höllenqualen erleiden mussten. Aber so geschah es wohl der eingangs erwähnten Band Frei.Wild. Ihre Lieder zeugen von einer tiefen Verzweiflung, einem allzu harten Leben, dass seit nunmehr zwölf Jahren eine lyrisch-musikalische Aufarbeitung erfährt.
Freilich wurden Frei.Wild hierzulande nicht wegen ihrer schweren Jugend bekannt. Es war ihr Durchbruch in Deutschland und der Widerstand von Seiten der deutschen Indie-Musikszene, der Frei.Wild auch in Österreich zum heiß diskutierten Kassenschlager werden ließ. Aber wie kam es dazu, dass eine Südtiroler Deutschrock-Kombo, die genregemäß mehr durch Lautstärke als musikalisches Talent zu bestechen weiß, plötzlich Schlagzeilen von der deutschen Bild bis hin zum österreichischen Standard machen kann?

tumblr_mcety3Yklf1qbtsyio1_500Skandalträchtig an Frei.Wild scheint vorrangig das rechte Gedankengut ihrer Musiker, insbesondere des Sängers Phillip Burger. Bevor Frei.Wild aus der Taufe gehoben wurde war Burger nämlich als rechtsradikaler Skinhead unterwegs. Mit seiner alten Band Kaiserjäger hatte er noch ordinär rassistische Töne gespuckt, etwa in dem Lied „Selber schuld“: „Ich hasse diese ganze Gesellschaft, diese Neger und Yugos“. Zudem fand sich bei Kaiserjäger nationalistischer Lobgesang auf die, Italien zu entreißende, Heimat Burgers. So heißt es etwa in dem Lied „Südtirol“: „Südtirol, du bist noch nicht verloren. In der Hölle sollen deine Feinde schmoren.“. Während letztgenanntes Lied auch den Weg ins Frei.Wild-Repertoire schaffte, distanziert sich Burgers neue Band öffentlichkeitswirksam von Rassismus und Neonazi-Szene. Zwar ging es bei Kaiserjäger laut Burger nur um „Liebe, Freundschaft und Alkohol“ und bis 2008 war er selbst auch noch engagiertes Mitglied bei den Freiheitlichen, aber trotzdem spricht man bei Frei.Wild hier gerne von einem Bruch mit der Vergangenheit. Auf Frei.Wild-Konzerten lässt die Band nun auch mal „Nazis raus“ skandieren und Burger sagte kürzlich der Bild-Zeitung er „verachte Nazis aufs tiefste“.
Textlich bleiben Frei.Wild aber der Ästhetik der frühen Tage treu. Sie singen fast ausschließlich aus der Perspektive des entindividualisierten Wir und geben sich autoritären Gewaltphantasien hin. Neben ihrem Südtiroler Nationalismus geht es in ihren Liedern unter Anderem um die Selbststilisierung als die verfolgte Unschuld, welche sich einem Heer von Feinden aus Politik und Medien gegenübersieht. Dabei rutscht auch mal ein geschichtsrevisionistischer Vergleich heraus. Etwa wenn Frei.Wild die Kampagnen gegen sich im Lied „Wir reiten in den Untergang“ mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus gleichsetzt. Textlich wird bei Frei.Wild anscheinend ähnlich gearbeitet wie bei FPÖ-Presseaussendungen.
Frei.Wild verdanken ihren Aufstieg aber weniger ihrer politischen Karriere als der Lücke, die mit dem Wegfall der Deutschrockband Böhse Onkelz 2005 im Musikmarkt hinterlassen wurde. Eine Marktlücke die seitdem etliche Bands zu füllen versuchten. Sei es die rechte Hooliganband Kategorie C oder die eher linken KrawallBrüder, allseits bemühte man sich, die lukrative Nachfolge der Onkelz anzutreten. Aber schließlich kam es nirgends zu so einem effektiven Zusammenspiel von Plattenindustrie und Selbstinszenierung wie bei Frei.Wild. In der aktuellen Ausgabe des Musikmagazins Intro berichtet die Punkband Turbostaat von casting-artigen Szenarien bei der Onkelz-Nachfolgersuche, bei denen Teils sogar konkret nach der Schwelle der politischen Vertretbarkeit sortiert wurde. So erzählt Turbostaat Bassist Thomas Knopp: „Ich bin damals angesprochen worden, ob ich für Geld mir Bands angucken kann und zu recherchieren, sind die jetzt zu rechts für den Mainstream oder geht’s vielleicht noch.“. Aber nicht nur die politische „edgyness“ des potentiellen Onkelz-Nachfolgers war gefragt, auch die Übernahme des Onkelz-eigenen Duktus des aufschreienden Lumpenproletariats sollte Frei.Wild als Nachfolger obsiegen lassen.

2Genauso wie einst die Böhsen Onkelz pflegen Frei.Wild das Image des Underdogs. Sie kommen von Unten und singen für und mit den armen Schluckern. Geboten wird Musik für Prolls, für Prekarisierte und Entrechtete. Dass diese sich in den einfachen, aber emotional aufgeladenen Texten von Frei.Wild wiederfinden, verwundert nicht. Zu sehr regt der frustrierende Besuch beim Arbeitsamt zum Zorn an und schmerzt die Aussichtslosigkeit einer Gesellschaft gegenüber, die auf einen selbst nicht mehr angewiesen ist und auch nicht zögert das durch sozialpolitische Repressionen zum Ausdruck zu bringen. Der Grund für die Popularität der Band im deutschsprachigen Raum scheint weniger in ihrer politischen Ausrichtung, als in der jüngsten Vergangenheit und im sozialen Abstieg vieler Menschen zu suchen.
Die deutschen Frei.Wild-Fans entspringen jenen Familien denen 2003 zum ersten mal per Hartz IV Bescheid ihre Überflüssigkeit schriftlich gegeben wurde und die seitdem in einer Endlosschleife aus Privatfernsehen und elenden Lebensbedingungen gefangen sind. In diesen künstlich gezüchteten Elendsbiotopen vollziehen sich gesellschaftliche Veränderungsprozesse nur noch schleppend und ruckeln wie die neusten Ego-Shooter auf den veralteten Konsolen der Plattenbauwohnungen. So kommt es, dass hier der stumpfsinnige Chauvinismus und Rassismus, der noch in den 90ern in Deutschland und Österreich massenfähig war, immer noch konserviert wird. Die neue Lockerheit ist in der ostdeutschen Provinz oder der Wiener Trabantenstadt noch nicht angekommen.
Frei.Wild-Fans stören den reibungslosen Prozess von hedonistischer Dauerparty und neuer Befindlichkeit, wie er insbesondere in der Indie-Musikszene hochgehalten wird. Der aufgezwungene Stillstand des Prekariats spiegelt sich im Erfolg Frei.Wilds wider. Die Band erinnert so an die Ausgestoßenen und das scheinbar Überwundene.
Frei.Wild ecken an, aber die rechtskonservative bis rechtsradikale Einstellung der Band oder ihres Sängers ist nur mehr Ausweichfeld für ganz andere Abwehrkämpfe der Frei.Wild-Gegner.

1Als im März die Nominierung für Frei.Wild beim deutschen Medienpreis Echo ins Haus stand kam es zum Eklat. Nachdem die Bands Kraftklub und Mia. mit einem Verweis auf die rechten Tendenzen von Frei.Wild ihre eigenen Nominierungen ablehnten schlossen sich auch die Ärzte dem Protest an. Unter dem so entstandenen Druck zog die Deutsche Phono-Akademie, die den Echo auf Basis der Media-Control-Verkaufscharts vergibt, die Nominierung von Frei.Wild zurück.
An den Protesten um die Echo-Nominierung lässt sich ein interessantes Phänomen aufzeigen. Die Band Mia., die sich vehement von Frei.Wild distanziert, war 2003 selbst scharf in der Kritik. Sie hatten ganz Konform mit der Staatsdoktrin der damaligen rot-grünen Regierung in Deutschland den neuen Patriotismus der Indie-Szene ausgerufen und hatten mit Zeilen wie „Wohin es geht, das woll’n wir wissen und betreten neues, deutsches Land“ in der tendenziell eher antinationalen Indie-Musikszene einen Aufschrei ausgelöst. Mia. hatten damals unter irritiertem Kopfschütteln eingelenkt und hielten sich seitdem politisch eher bedeckt. Im Widerstand gegen Frei.Wild scheinen sie nun ihre endgültige Wiederaufnahme in den Kreis der Kulturlinken geschafft zu haben. In der Abgrenzung von Frei.Wild findet der reformierte Nationalismus in Deutschland eine Möglichkeit sich vom stumpfen Nationalismus der 90er zu distanzieren.
Selbst für antinationale Labels wie Audiolith oder antifaschistische Bands wie Jennifer Rostock scheinen Frei.Wild gerade recht zu kommen, um den eigenen Anteil, den man an der Aufwertung des Standorts sowie die ideologische Festigung des neuen Deutschlands trägt, auszublenden. Wo es schick ist, sich kosmopolitisch und antinational zu inszenieren, muss der eigene, implizit positive Bezug zur Nation abgespalten und ausgelagert werden.
Inwieweit hinter der Abgrenzung von Frei.Wild auch eine tiefe Angst vor den Prolls steckt, vor der Masse der Überflüssigen, denen man als Berliner Musiker genauso plötzlich angehören kann wie als diplomierte Philosophiestudentin in Wien, sei einmal dahingestellt.

Abgeändert in der aktuellen Ausgabe des ÖH-Magazins Progress erschienen.

Bilder bei kulturschock geklaut.

3 responses to “Volksmusik der Deklassierten

  1. Gefällt mir gut der Artikel. Einzige Frage, die ich habe: Was sollte es anstatt eines positiven Nationalismus geben? Ich bin nicht stolz darauf, Deutscher zu sein, wie sollte ich auch, es ist nicht meine Leistung. Auf der anderen Seite bin ich ganz froh, trotz aller Probleme, hier zu leben, denn Deutschland scheint mir noch eines der demokratischsten Länder zu sein. Vielleicht wäre Schweden noch besser etc. aber ich kann mich nicht beschweren. Einen Grund zur Ablehnung meiner Herkunft, sich dafür zu “schämen”, sehe ich nicht. Nun, wie sollte der Umgang mit den Wurzeln Ihrer Meinung nach aussehen?

  2. “Selbst für antinationale Labels wie Audiolith oder antifaschistische Bands wie Jennifer Rostock scheinen Frei.Wild gerade recht zu kommen, um den eigenen Anteil, den man an der Aufwertung des Standorts sowie die ideologische Festigung des neuen Deutschlands trägt, auszublenden. Wo es schick ist, sich kosmopolitisch und antinational zu inszenieren, muss der eigene, implizit positive Bezug zur Nation abgespalten und ausgelagert werden.”
    aha. und woran machst du das fest? oder passte dieser dichterich schöne seitenhieb einfach gut ins konzept?

  3. @torsun
    Audiolith existiert halt nicht im luftleeren Raum und es ist nun mal ein Ding der Unmöglichkeit in der deutschen Musikindustrie mitzumischen, ohne dabei auch Teil von ihr zu sein. Das ist ja kein persönlicher Vorwurf und auch keine Forderung aufzuhören, sondern einfach die sehr unpoetische Feststellung, dass man sich dem nicht entziehen kann und zwanghaft zum Reproduzenten bzw. Reformer der Rasselbande wird (bestes und traurigstes Beispiel sind da wohl Tocotronic). Dabei greifen halt, besonders dann wenn man aus guten Gründen etwas gegen den Laden hat, Abwehrmechanismen. Das ist auch nicht schlecht, sondern ganz gut, um nicht an dem ganzen Bockmist zu zerbrechen, aber Frei.Wild-Bekämpfung ist trotzdem keine Kritik der deutschen Ideologie und die Darstellung von schwuler Liebe in Musikvideos keine kommunistische Gesellschaftskritik, sondern d’accord mit der Staatsdoktrin.

    @undergroundnoises
    Nun, wie sollte der Umgang mit den Wurzeln Ihrer Meinung nach aussehen?
    Das frage ich mich bei jedem Familienfest aufs Neue, eine fundierte Antwort steht leider noch aus.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s