Wölfe im Winter

Wild heult der Wolf des nachts im Wald
und findet nichts zu beißen.
Doch ich geb ihm ’nen Hahnenkamm,
der soll ihm den Hals zerreißen.
1

Das Wolfsrudel ist die ideale Gemeinschaft der Österreicher, es ist das Individuum verschlingende Racket, welches sich mit anderen zum Staat vereint, der ihre Mordbrennerei institutionalisiert.
Eine kleine Geschichte einer kollektiven Selbstverstümmelung.

jr1

Fest pressen sich die österreichischen Steuerzahler im Winter der Ökonomie an den Wärme verheißenden Staat, immer in Angst um die eigene erbärmliche Existenz, die sie doch gerade durch derlei Nähe gänzlich auszulöschen drohen. Doch bleiben sie außerstande sich vom eisigen Bann der kollektiven Zurichtungsmaschinerie zu befreien, sind ihr vielmehr verbunden wie der alternde Wolf dem Wolfsrudel, welches ihn doch nur schindet und permanent mit Ausschluss oder Tod bedroht.
Schließlich ist solch Etatismus in Österreich hart erkämpft, egal ob Proletarier oder Bourgeois, man hat dem Platz im Wolfsrudel gewollt und auch mit dem eigenen Blut dafür gezahlt. Seit den Frühtagen der Bourgeoisie, den vorsichtigen Annäherungen der Monarchie an die Aufklärung, wählten die umherschweifenden Subjekte im Angesicht der kapitalistischen Kälte die Selbstzurichtung, die Angleichung der eigenen Temperatur an die der, vom Warentausch verkühlten, Außenwelt.

Da das Alphamännchen des Wolfsrudels aber die Neugeborenen nicht als Seinesgleichen akzeptieren kann, ohne dass diese sich zuvor unter Beweis stellen, also zeigen können, dass sie der Kälte und Rauheit der Welt in der Übernahme eben dieser Wesenszüge gewachsen sind, geschah es denn auch in der Historie, dass die bourgeoisen Wölflinge ihre Feuertaufe zu bestehen hatten. So ereignete es sich denn im Laufe des Jahres 1848, dass die jungen Wilden um die Gunst das Staates rangen und gleichwohl bewiesen, dass sie die strikte Selbstdisziplin des Rudels internalisiert hatten:

Der Zusammentritt der konstituierenden Versammlung im Juli wurde jubelnd begrüßt als das Ende der revolutionären Ära […] . Während der konstituierende Reichstag die Gesetze über die Befreiung der Bauernschaft von den Fesseln des Feudalismus und der Leistung von Frondiensten für den Adel beriet, brachte der Hof ein Meisterstück zuwege. Man bewog den Kaiser, am 19. August eine Truppenschau über die Nationalgarde abzunehmen; die kaiserliche Familie, der Hofstaat, die Generalität überboten einander in Schmeicheleien an die Adresse der bewaffneten Bürger, denen der Stolz, sich derart öffentlich als eine der ausschlaggebenden Mächte des Staates anerkannt zu sehen, schon berauschend zu Kopf gestiegen war; aber unmittelbar darauf erschien […] ein Erlaß, der den Arbeitslosen die bisher gewährte staatliche Unterstützung entzog. Der Trick hatte Erfolg. Die Arbeiter veranstalteten eine Demonstration; die Bourgeois von der Nationalgarde erklärten sich für den Erlaß […]; sie wurden auf die “Anarchisten” losgelassen, fielen wie Tiger über die unbewaffneten, keinen Widerstand leistenden Arbeiter her und richteten am 23. August ein großes Blutbad unter ihnen an.2

Das Alphamännchen war zwar durch derlei pubertäres Aufbegehren kurzweilig geschwächt worden, aber nur um gestärkt und gewachsen aus der Staatskrise hervorzutreten. Die zähnefletschende Bourgeoisie hingegen hatte gezeigt, dass mit ihr ein Staat zu machen ist, das ihre Suche nach dem Glück im stolzen Antlitz gegenüber der eigenen Selbstaufgabe verblasst war.

das ganze Programm […] ist durch und durch vom Untertanenglauben der Lassalleschen Sekte an den Staat verpestet3

Angestachelt von solcherlei Kraftbeweis ließen es sich einige deutsche Sozialdemokraten um Ferdinand Lassalle, welcher der Monarchie genauso wenig abgeneigt war wie der staatssichernden Mörderei, nicht nehmen, ihre Version des etatistischen Sozialismus nach Österreich zu exportieren. jr2In Form der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei trat so 1888 ein neues Rudel in die Arena der sozialen Kälte ein, um die Integration des Proletariats in den Staat sicherzustellen. Anfänglich war dies noch eine unwegsame Wanderung, manche Jungwölfe suchten nach Links auszuscheren, sehnten sich nicht nach dem Rudel, wollten gar das Wolfsein ganz in Frage stellen. Doch spätestens unter dem Deckmantel des Austromarxismus brach sich auch in der Parteilinken die Abkehr vom individuellen Glück, welches doch einst durch eine Überwindung von Staat und Kapital angestrebt wurde, Bahn. 1926, das proletarische Rudel war dem Alphamännchen schon vor lauter Begeisterung für Demokratie und sozialen Wohnungsbau auf den Schoß gesprungen, wurde die Vereinigung dann endgültig besiegelt:

Die Arbeiterklasse erobert die Herrschaft in der demokratischen Republik, nicht um eine neue Klassenherrschaft aufzurichten, sondern um jede Klassenherrschaft aufzuheben. In dem Maße, als die Staatsmacht der Arbeiterklasse die Kapitalisten und die Großgrundbesitzer enteignet, die in ihrem Eigentum konzentrierten Produktions- und Tauschmittel in den Gemeinbesitz des ganzen Volkes überführt, wird die Scheidung des Volkes in ausbeutende und ausgebeutete Klassen, werden damit Klassenherrschaft und Klassenkampf überwunden werden; damit erst wird sich die Demokratie aus der letzten Form der Klassenherrschaft in die Selbstregierung des nicht mehr in gegensätzliche Klassen gespaltenen Volkes, wird sich der Staat aus einem Werkzeug der Klassenherrschaft in das Gemeinwesen der vereinigten Volksgemeinschaft verwandeln.4

Nicht nur der späte „Sieg von Ferdinand Lassalle über Marx und Engels5 ward damit auch von den österreichischen Sozialdemokraten vollbracht, sondern es donnerten hier bereits die Sturmglocken des Nationalsozialismus über die wolfgewordene Arbeiterschaft hinweg.

Erschienen in der aktuellen Ausgabe der Unique. Bilder aus dem Film Jin-Roh.

  1. Astrid Lindgren, Wolfslied.[back]
  2. Friedrich Engels, Revolution und Konterrevolution in Deutschland, Der Wiener Oktoberaufstand, März 1852.[back]
  3. “Doch das ganze Programm, trotz alles demokratischen Geklingels, ist durch und durch vom Untertanenglauben der Lassalleschen Sekte an den Staat verpestet oder, was nicht besser, vom demokratischen Wunderglauben, oder vielmehr ist es ein Kompromiß zwischen diesen zwei Sorten, dem Sozialismus gleich fernen, Wunderglauben.”
    Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, 1875.[back]
  4. Der Kampf um die Staatsmacht, aus dem Linzer Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs, 3.11.1926.[back]
  5. Willy Huhn, Der Etatismus der Sozialdemokratie, Ca ira 2003.[back]

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s