über die leere des kleiderschranks

„One should either be a work of art, or wear a work of art.“1

Der Mensch bedarf der Mode nicht, das Individuum aber sehr wohl. Einige Überlegungen über zu behebende Missstände in studentischen Kleiderschränken.

Die aktuellen Herbstkollektionen der einschlägigen Modediscounter verheißen wieder einmal nichts gutes, zwar scheint selbst bei New Yorker ab und an noch ein Glanz dessen auf, was an Glücks- und Stilverheißungen in den noblen Modehäusern Englands oder Schottlands produziert wird, aber den schlecht fabrizierten Replikaten haftet nicht nur das Elend des asiatischen Proletariats an, sondern auch das tragbare Eingeständnis trotz Gnade der mitteleuropäischen Geburt nicht an dem schönen Schein des Kapitals teilhaben zu können. Das heißt freilich nicht, dass alleine der Mangel an Geld und Zeit daran Schuld trägt, dass die gemeinen Studierenden betont schlecht und gleich uniformiert herumlaufen, dies ist vor allem dem eigenen Versagen geschuldet, so etwas wie Stil noch entwickeln zu können.

Der Kleidungseinkauf stellt sich zusehends als genauso lästig und unumgänglich heraus wie das studentische Speisen, nur, dass es hier statt des Glutamatfrasses vom Asiaimbiss die Fertigladung Hipster aus dem H&M-Schaufenster gibt. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass der sich nach dem Kassengang entfaltende Begeisterungssturm, ob der neuen Winterjacke, die natürlich auch ein Schnäppchen war, nicht der Schönheit des erworbenen Objekts geschuldet ist, sondern vor allem der frei werdende Erleichterung gilt, auch diesen Pimkie-Besuch einzig mit geringem seelischen Schäden überstanden zu haben. Es geht schließlich schon lange nicht mehr darum, sich bei der Kleidungswahl wohlzufühlen, mit aller Ruhe die Ware zu prüfen, zu schauen, wie der Stoff geschaffen ist oder gar wie sie sich in den eigenen Stil fügt, es geht vielmehr darum die Kleidung zu akkumulieren, sie im Kleiderschrank anzuhäufen, wie man gerne das Geld auf der Bank anhäufen würde. Nicht im Besitz einiger schöner, liebevoll und aus Erfahrung ausgewählter Stücke zeigt sich mehr der individuelle Stil, sondern vielmehr wird dessen Abstinenz durch die Hoffnung kaschiert, man könne sich ihn erfahrungslos durch einen Berg von Schnäppchen und Trendcodes aneignen. Dem Warentausch an den Lippen hängend, verzehrt man sich einerseits nach den ununterscheidbaren Tauschobjekten, andererseits hofft man doch noch aus ihnen herauszustechen, ihnen durch das fleißige, aber wahllose kombinieren einen Inhalt abzuringen, der sich dann auf einen selbst übertragen soll.
Das alles heißt freilich nicht, dass man sich, wenn nur die nötigen Finanzen verfügbar sind, in den Club der Schicken und Schönen einkaufen kann. Zwar öffnen sich unter den nötigen Vorzeichen die Türen von Burberry und Stone Island, mit ein wenig Glück sogar jene zu einem Verkäufer oder einer Schneiderin, die sowohl Geschmack als auch Beratungsgeschick haben, aber einen Garant für Stil stellt selbst die größte Kreditkartensammlung noch nicht dar. So reicht der interessierte Blick auf das Klientel, welches sich an Samstagen in den Modehäusern am Wiener Graben herumtreibt, um zu entschlüsseln, dass hier die Suche nach Stil bei dem unmotivierten abklappern, der, als edel vermuteten, Geschäfte endet. Der Unterschied im Konsum bleibt neben der Qualität der angebotenen Ware so einzig noch das Ambiente, in welchem konsumiert wird, vor allem das, durchaus als zivilisatorische Errungenschaft anzusehende, Ausbleiben von musikalischer Folter, wie sie einem im Pimkie oder Forever 21 um die Ohren gehauen wird. Von derlei Kaufumständen abgesehen ähneln sich die ästhetischen Unfälle von Arm und Reich nur allzu sehr, sein es die bereits existenten oder jene, die uns nun wieder der Herbst bescheren wird. Wo die postmoderne Charaktermaske das Individuum klassenübergreifend abgelöst, der Mensch sich selbst der kapitalgebundenen Indifferenz geopfert hat und das permanente Bekenntnis zur eigenen Individualität nicht mehr ist als verzweifelte Selbstversicherung des Bewusstseins wider die unbewusste Erkenntnis der eigenen Austauschbarkeit, können halt weder Barbour noch Zara dazu antreten, dem Menschen, der sich weiter blind in der Negation von Erfahrungen übt, Stil zu lehren.

Erschienen in der aktuellen Ausgabe der Wiener ÖH-Zeitung Unique.

  1. Oscar Wilde, „Phrases and Philosophies for the Use of the Young“, in: J. B. Foreman (Hg.), The Complete Works of Oscar Wilde: Stories, Plays, Poems, and Essays, Harper & Row, New York 1989, S. 1206.[back]

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