dem Geiste abgeschworen

Wie die gegenseitige Anbiederung von Lehrpersonal und Studierenden die Hoffnung auf Reflexionsvermögen, Individualität und Wissen in gedankenloser Konfusion ersäuft.

Erscheint nach wie vor vielen Wiener Studierenden die im Wintersemester 2011 eingeführte Studieneingangs- und Orientierungsphase (STEOP) als eine willkürliche Lotterie, mit deren Hilfe sich die Universität, überfüllter Lehrsäle sowie nicht ausreichend motivierter Erstsemester erwehren will, lässt sich mittlerweile auch eine ganz andere These aufstellen: die STEOP ist den Studierenden nicht feindlich gesonnen, sie ist einfach die adäquate Einführung in den bildungsfernen Universitätsalltag.
In den Einführungsveranstaltungen zeichnet sich bereits zur Genüge die kommende Anbiederung an das zu belehrende Objekt ab. Eine Anbiederung, welche in den folgenden Jahren nicht bloß jeden Ansatz von Frontalunterricht seitens der Lehrenden durch eine Flut der Entschuldigungen ob dieser schrecklichen, autoritären Methode begleiten wird, sondern der auch fast jegliche Hoffnung, hin zu einer Bildung des Geistes, auf dem Opferaltar der kuscheligen Vermittlungsebenen dargeboten wird. Die STEOP sei daher im Folgenden nicht für ihre Existenz als Abtropfsieb für angehende Studierende kritisiert, statt dessen sei auf sie als exemplarisches Beispiel für das fertige Gericht, das Studium an der Universität selbst, einzugehen.

So kommt in der STEOP bereits nach kurzer Zeit jeder Glaube an ein selbstständiges Denken erforderndes Studium zum erliegen. Die Anforderungen scheinen anderer Natur, erfordern weder Geist noch individuelles Begehren nach Wissen. Statt dessen fühlt man sich zurückversetzt in den Aktionismus der ersten Schuljahre, nimmt an einem pädagogischen Ereignislauf teil, der bei sogenannten Murmelrunden beginnt und über Gruppendiskussionen hin zu Assoziationsketten führt. Es wirkt fast so, als müsse schon einmal alles auf die endgültige Erledigung des Gehirns, von welchem man ohnehin bereits weiß, dass es einzig zum lustigen wie willkürlichen Neuronenreigen in der Lage ist, eingeschworen werden.
Das sich gegen derlei Albernheiten keine Stimme erhebt, aber ein Ausschluss davon den Bildungsprotestler nach wie vor wütend aufstößt, verdeutlicht einmal mehr, dass die Verewigung der gedankenlosen Konfusion, die Karl Marx einst als absolutes Interesse der herrschenden Klasse ausmachte, bereits traurige Alltäglichkeit geworden ist.1
Die STEOP erscheint so vor allem als freundlicher Versuch, den sich in ihrer Unmündigkeit suhlenden Studierenden ein weiteres vorgewärmtes Schlammbecken zur Verfügung zu stellen. Daher ist das, was sich im Schatten dieses Beckens zuträgt nicht nur Maßnahme zur Ausdünnung der Jahrgänge, nicht bloß kaltes Kalkül wider die Erstsemester, sondern es ist auch das Angebot zur Rettung der gedankenlosen Konfusion von der Schule hin zur Universität.
Die immer wieder aufflackernde Klage über die Verschulung der Universitäten schickt sich aber nicht an, hier Licht ins Dunkel zu bringen. Vielmehr richtet sie sich bloß gegen die ersten Strahlen der zeitlichen Regulation des Arbeitslebens, die in Anwesenheitspflicht, gar dem vereinzelten Zwang auch einmal vor neun aus dem Bett zu kriechen, zu finden geglaubt werden. Keine Kritik wird laut an der Institutionalisierung der Regression, der permanenten Zurückdrängung des Geistes. Statt dessen erfreut man sich der Möglichkeiten, sich mit Tutoren oder Professorinnen über seine Meinungen und Interessen austauschen, sich im Proseminar in wissensfernem Geschwätz, dass statt mit vernichtendem Tadel mit ermutigenden Kopfnicken honoriert wird, verlieren zu können.

Jenseits humboldtscher Gestade

Dort wo bereits die meisten Familien bei der Bildung eines mündigen Ichs versagten, scheitert die Universität erneut. Als würde das, langsam in der zähen Brühe seiner Selbst treibende, junge menschliche Wesen durch sinnfreie Motivationsreden plötzlich beginnen, sich an den eigenen Haaren ans Ufer der Subjektwerdung zu zerren und nicht weiter regungslos in dem trägen aber wärmenden Schlammbad des Infantilismus schlummern, perpetuiert die anbiedernde Pädagogik die regressive Sehnsucht in der Hoffnung, dass Kind möge losziehen und spielerisch erwachsen werden. Aber genauso wie es in der Kindheit des Jungen nicht der fürsorgliche, komplizenhafte Vater ist, an welchem sich das Subjekt aufrichtet, sondern der Konflikt zur väterlichen Autorität, die, da sie Lust versagt, zum Feindbild avancieren muss, wäre es der Konflikt mit der Lehrautorität, der Prozess von Reflektion und Rebellion, der dem jungen Menschen eine weitere Möglichkeit gäbe, sich zum selbständigen Wesen, zum Individuum zu entwickeln. Indem aber die Grenzen zwischen Lehrautorität und Studierenden scheinbar aufgehoben werden, mit den Lehrenden während der Vorlesung per Du und auf gleicher Augenhöhe geredet werden kann, verliert sich nicht nur jegliche individuelle Regung im Strom der konformistischen Komplizenschaft, sondern auch das bisschen Bildung, das vom bürgerlichen Bildungsidealismus des späten 18. Jahrhundert noch übrig ist, versickert im scheinbar gleichwertigen Austausch. Wo von Seiten der Lehrenden, jenseits der inhaltsbefreiten Abfrage von Gedächtnisleistung zu Semesterende, keine Wertung mehr stattfindet, wo die Studierenden in Gruppendiskussionen und im selbstständigen Gestalten von Lehreinheiten auf die selbe Stufe erhoben werden, muss auch das Wissen der Lehrenden als gleichwertig angesehen werden, als genauso banal und unsinnig wie das reproduzierte Halb- bis Unwissen der Studierenden. Aber die Vermittlung von Wissen, dieses Ideal ob dessen die Universität ja eigentlich gegen ihre Feinde noch in Schutz genommen sei, hat mit der, in wohlige Selbstfindung getauchten, Wertsteigerung der eigenen Arbeitskraft, ohnehin soviel zu tun, wie Wilhelm von Humboldt mit Rudolf Steiner.
Wer nach drei bis zehn Jahren Universität in die Berufstätigkeit übergeht, wird sich daher wohl seiner markttauglichen Basiskompetenzen erfreuen, die wilden Jahre des Studierendendaseins betrauern und sich vermutlich dem Pöbel reichlich überlegen fühlen, wo die Erotik bei Baudelaire zu finden ist, warum Freud aus der Psychologie verbannt wurde oder welche Ideologien unser aller Leben zurichten, wird er genauso wenig wissen, wie er seiner selbst als Individuum gewahr geworden sein wird.

Erschienen in der aktuellen Ausgabe der Wiener ÖH-Zeitung Unique.

 

  • „Mit der Einsicht in den Zusammenhang stürzt, vor dem praktischen Zusammensturz, aller theoretischer Glauben in die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände. Es ist also hier absolutes Interesse der herrschenden Klassen, die gedankenlose Konfusion zu verewigen. Und wozu anders werden die sykophantischen Schwätzer bezahlt, die keinen andern wissenschaftlichen Trumpf auszuspielen wissen, als daß man in der politischen Ökonomie überhaupt nicht denken darf!“ Karl Marx an Louis Kugelmann; London11.7.1868 (MEW32, S.552) [back]

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