Zwischen Reproduktion und Regression

Nachfolgend einmal mehr ein Unique-Beitrag, hier freilich vor dem brachialen Einsatz von Ästhetikhäcksler und fehlerschleudernder Korrekturmaschine:

Ist das Proseminar zu Ende und die Vorlesung überstanden beginnt für die Studierenden die entschleiernde Qual: Die Reproduktionsarbeit.

Alles ist Reproduktion. Sei es der Abwasch, der Konsum des sonntäglichen Tatort oder der schlechte Sex auf der Clubtoilette. Wer nicht an der Universität den Wert seiner Ware Arbeitskraft steigert oder dazu gezwungen ist diese bereits während des Studiums konkret zu veräußern der reproduziert: Daheim, am Tresen oder im Schwimmbad wird der Mensch wieder fit gemacht für den kapitalistischen Arbeitsmarkt bzw. dessen universitäres Anlernstadium.

Im durchaus gängigen Idealfall wird auch die Phase der Reproduktion zur Akkumulation des persönlichen Marktwerts, egal ob bei der Kommunikationstechniken erprobenden Beziehungspflege, bei welcher Details des Zwischenmenschlichen möglichst immer und mit jedem ausdiskutiert werden, um noch dem letzten Rest an glücksversprechenden wie fragilen Momenten auf Liebe und Freundschaft zuvorzukommen, sowie bei der Plackerei in den Studienrichtungsvertretungen, welche ohnehin zumeist aus der Hoffnung auf eine universitäre Karriere geleistet wird oder beim körperertüchtigenden und gesundheitsfördernden Schweißbad im Fitnessstudio oder Swingerclub.
Zwischen den Reproduktionsakten hastet man dahin, stürzt von einer Aktivität in die Andere, stellt die eigene Hektik und Anspannung fast schon lustvoll zur Schau. Aus dieser Überstürztheit, dem Suggerieren des permanenten Zeitmangels – was weniger mit dessen realer Existenz zu tun hat, sondern vielmehr einer Unfähigkeit, gar Angst, geschuldet ist, sich einzugestehen, dass man viel freie Zeit hätte, die für sich zu nutzen man aber nicht vermag – spricht die Affirmation des angestrebten Berufslebens, das schnell zu erreichen insgeheim gehofft wird, da dort doch endlich keine Zeit mehr bleiben wird, um sich mit anderen Dingen als denen der unmittelbaren Existenzsicherung zu beschäftigen.

Freizeit und Verzweiflung

Die so mehr schlecht als recht cachierte Ohnmacht ein Leben jenseits der kapitalistischen Vergesellschaftung und Zurichtung auch nur anzudenken, sich selbst gar als Individuum mit eigenen Bedürfnissen zu entdecken, kommt besonders in dem allseits beliebten Gruppen- und Vereinswesen zum Vorschein, mit welchem die sogenannte Freizeit fein säuberlich durchsetzt wird, sei es der Sportverein, die politische Gruppe oder die Stammclique, mit welcher man am Wochenende in ewiger Wiederkehr die immer gleichen Kneipen heimsucht. Überall dort, wo nicht riskiert werden muss, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, somit Gefahr zu laufen über das eigene Sein zu reflektieren, treibt sich das geschundene Wesen der Gattung Mensch herum, immer auf der Suche nach dem nötigen Grundrauschen um alle anderen Regungen zu übertönen. Einher geht die Ablenkung von dem was sein könnte, aber auch mit einer an Verzweiflung grenzenden Ablehnung dessen was ist. So ist etwa die fanatische, wenn auch für die Außenstehenden schrecklich anmutende, Verschanzung in einem Hobby ein Augenblick der Rebellion gegen das Gegebene, ein zum Scheitern verdammter und nach innen gewendeter Schlag gegen die äußeren Zwänge.
Die Verzweiflung ob der tristen Existenz ist der Reproduktionsarbeit also immanent, haftet an ihr wie das Kapitalverhältnis noch am Alltäglichsten und Banalsten haftet. Das nicht nur in der Sphäre der Hobbys, die bereits vom Begriff – Hobby geht auf das englische hobby-horse zurück, zu deutsch das Kinderspielzeug Steckenpferd – her auf ein regressives Moment verweisen, auf welches noch einzugehen ist, diese Verzweiflung am Mensch-Sein und an den ökonomischen Widrigkeiten vorherrscht, enthüllt der Blick in die studentischen Behausungen, in denen nicht nur die meiste Reproduktionsarbeit stattfindet, sondern in denen auch ein hilfloses Element der Auflehnung gegen selbige durchschimmert.
In den studentischen Heimstätten erscheint zum einen der, von den ökonomischen Bedingungen erzeugte, Wahn, welcher besonders in den charakterlosen Studentenwohnheimen, die sich nicht einmal mehr den Anschein von häuslichen Gemütlichkeit geben, sondern einzig als eine Mischung aus Jugendherberge und modernem Arbeiterheim daherkommt, als auch das Scheitern der Studierenden den gesellschaftlichen Anmaßungen wider das Individuum zu trotzen. So gleicht sich unter vielen Studierenden nicht nur das Nicht-Verhalten zum Putzplan, sondern auch das Verhalten gegenüber den eigenen, in den allseits beliebten wie hässlichen Ikea-Regalen ausgestellten, Büchern oder Schallplatten und zeichnet sich dadurch aus, dass diese in der Reproduktionszeit nur selten gelesen bzw. gehört werden, sondern vor allem etwaigen Besuch das autosuggestiv eingeübte Märchen von der individuellen Entwicklungsgeschichte erzählen sollen.

Infantile Fluchtbewegung

Das Verhältnis zum Essen gestaltet sich zumeist ganz nach dem Prinzip des vorauseilenden Gehorsams, als würde man nach dem absolvierten und natürlich nicht mit einem Beruf belohnten Philosophie-Master schon in einen prekären und erschöpfenden Vollzeitjob gezwungen sein, werden Fertigpizza und auf die Schnelle zusammengewürfelte Eintopf- und Nudelgerichte zum allabendlich wiederkehrenden Geschmacksmassaker, in dem der genüssliche Akt des Essens zur bloßen Nahrungsaufnahme verkommt. Wenn dann doch einmal richtig gekocht wird geschieht dies nicht für das eigene Glück am frisch zubereitetem Mahl, sondern für den Schein einer erfüllten und gut gewürzten Existenz, den man sich durch das, für die Bekochten detailverliebt angerichtete, Ratatouille geben will. Dem anschließenden Abwasch, der ja eigentlich den notwendigen und bereinigenden Schlusspunkt nach jedem guten Essen darstellt, steht der durchschnittliche Studierende allerdings feindlich gegenüber. Genauso wie in den Tassen und Gläsern, welche nach und nach in WG-Zimmern verschwinden, zeigen sich im dreckigen Geschirr, dass sich in der Küchenspüle türmt, nicht nur Schimmelkulturen, sondern auch ein tiefer Hang zur Regression. Es scheint fast, als ob aus den sich anhäufenden Müllbergen, aus der überall systematisch verteilten Schmutzwäsche und den ungeordneten Stapeln an hastig kopierten Prüfungsunterlagen die Stimme des kleinen Kindes ertönt, als würde hier nach der Mutter gerufen, welche doch bitte alles ins Reine bringen möge oder nach dem Vater, der Kraft seiner Autorität das eigene Handeln diktieren möge.
Genauso wie das Aufgehen im spätpubertären Hobby entpuppt sich das Unbehagen gegenüber einem sauberen und gepflegten Heim als die Angst vor der eigenen Mündigkeit. Hier spricht die Ohnmacht des, zur Entwicklung nicht befähigten, Subjekts, das insgeheim schon vor dem Leben selbst kapituliert hat, sich selbst zu Gunsten eines infantilen Unmuts wider die Verhältnisse zu negieren bereit ist. Ganz so als würde man mit dem eigenen regressiven Verhalten dem Produktions- und Reproduktionsprozess wieder entzogen werden, zurückkehren können in die scheinbare Unbefangenheit der Kindheitstage.
Aus dem ganzen Elend, welches in der Reproduktionsarbeit zur Tage tritt, den Menschen mit sich selbst und seinen ökonomischen und ideologischen Dämonen konfrontiert, schreit die Notwendigkeit nach einer Aufhebung des Bestehenden. Diesen Schrei möglich zu machen, dem Menschen so offen vorzuführen, dass er nicht einmal mehr zur Subjektwerdung, geschweige denn zur Suche nach dem Glück im Stande ist, ist der Verdienst der Reproduktionsarbeit und lässt sie die gegenwärtige Verfasstheit des Menschen als das denunzieren was sie ist: Unsere selbstverschuldete und täglich reproduzierte Hölle.

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