keep calm and don’t carry on

Wien im Jänner, kalt ist es und nass. Ein einsamer Trotzkist schlurft langsam über den verlassenen Heldenplatz. Keine jubelnden Massen, keine alliierten Truppen in der Stadt, nur aus der Hofburg dringt leise Musik.

An schlechten Parties ist in Österreich wahrlich kein Mangel festzustellen, sei es die Dorfgaudi in einem heruntergewirtschafteten vorarlberger Gehöft oder eines dieser schrecklich peinlichen Wie-in-Berlin-Verschnitte in Wien, trotzdem scheint kein Ereignis die paar Linken in diesem Land so umzutreiben wie das organisierte Unvergnügen, dass als Ball des Wiener Korporationsrings, also Party jener Sekte blasser Studierender, welche zumeist in furchtbar trost- wie spasslosen Männer-WGs dahinvegetieren und nicht einmal zum Heben eines Bierkrugs alleine in der Lage zu sein scheinen, alljährlich zum Ringelpiez mit Anfassen lädt.

Im Kampf gegen den rechten Umtrunk in der Hofburg suchen die hiesigen Linken anscheinend nach wie vor ein Element, welches ihrer eigenen politischen Existenz noch einen Hauch von Sinn, von Selbstlegitimation verleiht. Wo das ganze Jahr über Verdruss und innerlinker Konkurrenzkampft herrscht, scheint am 27. Jänner einmal mehr die große Einigkeit hereinzubrechen. Die Burschis dürfen nicht feiern, erst recht nicht in der Hofburg.
Selbst die Erkenntnis über die eigene Marginalität und Bedeutungslosigkeit, welche sich mit der Zeit doch selbst bei der idealistischsten Gruppierung Bahn bricht, wird angesichts des antifaschistischen Spektakels bei Seite gefegt, muss einer irrationalen Beschwörung der eigenen Macht trotz des Wissens um die eigene Machtlosigkeit weichen. Im Protest gegen den WKR-Ball vergisst noch der reflektierteste Antifaschismus, dass sich in der angestrebten Massenmobilisierung gegen die Burschenschaftler der reaktionäre Impetus einer Volksgemeinschaft gegen Rechts ausdrückt. Was kann ein gesellschaftsübergreifender Protest gegen den rechtsakademischen Pöbel auch anderes sein, als ein österreichisches, daher postnazistisches, Bündnis; eine massenaffine Kampagnenpolitk, die doch in sich selbst schon wieder die Basis für das bereithält, was in den rechten Elendsgestalten zu bekämpfen vorgegeben wird. Aber es scheint gerade die in der Kampagnenpolitk sich manifestierende Möglichkeit auf eine Praxis, mit der noch konkrete Erfolge, also die scheinbare Beeinflussung der politischen Umwelt, erzielbar sind, zu sein, die es den diversen Linken unmöglich macht, sich von dem großen Theater, welches sich um die Versammlung der deutschnationalen Barbaren entfaltet, abzuwenden.
[youtube:http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=FrHkKXFRbCI%5DDabei gäbe es wahrhaftig Gründe genug seine Zeit mit wesentlich schöneren oder, wenn man es denn schon gesellschaftspolitisch mag, mit wesentlich sinnvolleren Dingen zu verbringen. So wäre es doch recht naheliegend nicht in bloße Symptombekämpfung zu verfallen, sondern nach den Ursachen für derlei wahnhafte Verirrungen zu suchen. Und diese Ursachen, dies ist auch wahrlich nicht verwunderlich, sind zu finden in der Mentalität jenes ekelhaften Menschenschlages, welcher in Österreich und Deutschland über Jahrhunderte herangezüchtet wurde und welcher, konfrontiert mit dem Elend der kapitalistischen Ökonomie, sein Heil nicht in der Überwindung eben dieser Ökonomie suchte, sondern in der Überwindung des Menschen selbst. Es wäre daher wirklich alles andere als Zeitverschwendung sich der Kritik dieser Ökonomie und dieser grauenvollen postnazistischen Gesellschaft zu widmen, als immer wieder den paar Irren hinterherzulaufen, welche in Ernst Jünger immer noch die gleiche erotische Bettlektüre finden wie ihre, hoffentlich in Stalingrad gebliebenen, Großväter.
Das heißt nun freilich nicht, dass hier jenen roten Sportgruppen, welche sich den WKR-Ball zum Anlass nehmen um mit einigen Apologeten des deutschen Krisenlösungsmodels mal ein wenig über aktive proletarische Handlungsoptionen zu diskutieren, ihr Hobby streitig gemacht werden soll, aber dem Irrglauben an eine sinnvolle politische Intervention sollten sie nicht verfallen.
In der Hofburg liegen am 27. Jänner schließlich nicht die Wurzeln des Nazismus, es versammelt sich keine Clique, die den faschistischen Coup d’État plant, keine Verschwörung, die im Gewand von Alten Herren und Jungmännern mit narbenentstellten Gesichtern das politische Geschehen durch die Hinterzimmer des Parlaments zu lenken weiß, in der Hofburg trifft sich einzig eine impotente Bande von revanchistischen Träumern. Man kann sie, aufklärungsresistent wie sie zu seien scheinen, getrost unter ihresgleichen träumen lassen, gegenüber der Logik der kapitalistischen Ökonomie sind sie genauso ohnmächtig wie ihr linkes Pendant, dass zwar in seinen Flugblättern gerne von Kommunismus und befreiter Gesellschaft schreibt, aber ob seines Unwillens der Theorie gegenüber auch nur in bewegter Stagnation verharren kann.

4 responses to “keep calm and don’t carry on

  1. “Man kann sie, aufklärungsresistent wie sie zu seien scheinen, getrost unter ihresgleichen träumen lassen, gegenüber der Logik der kapitalistischen Ökonomie sind sie genauso ohnmächtig wie ihr linkes Pendant, dass zwar in seinen Flugblättern gerne von Kommunismus und befreiter Gesellschaft schreibt, aber ob seines Unwillens der Theorie gegenüber auch nur in bewegter Stagnation verharren kann.”

    Finde deinen Text grundsätzlich gut. Diese Passage verkennt aber meiner meinung nach die Situation in Österreich. So gut wie alle männlichen Abgeordneten der FPÖ sind Burschis. Der Einfluss dieser Gruppe auf die FPÖ ist nicht hoch genug einzuschätzen. Meiner Meinung nach birgt eine Regierungsbeteiligung der Burschi-FPÖ durchaus die Gefahr in wenigen Jahren einen völkischen Staat auch offen zu propagieren und die Gesellschaft noch weiter nach rechts rückt (siehe Ungarn).
    Sie sind eben nicht so handlungsunfähig wie die Linken (die auch nicht ihr Pendant dartellen). Wer einer aufhebeung der kapitaistischen Logik näher ist tut schlicht nichts zur Sache. Auch der NS hat die kapitalistische Logik nicht in ihren Grundzügen ausgehebelt und war trotzdem das größte Verbrechen der Geschichte.

  2. “das größte verbrechen der geschichte”, ist das eigentlich ein lied von tocotronic? oder doch eher der untertitel zu the great train robbery?

  3. “Es wäre daher wirklich alles andere als Zeitverschwendung sich der Kritik dieser Ökonomie und dieser grauenvollen postnazistischen Gesellschaft zu widmen, als immer wieder den paar Irren hinterherzulaufen […]”, die mir den Rest des Jahres den Tag versauen, wenn ich mich mit etwas anderem als Theorie beschäftige. Wenn die Burschis zurück in ihre Kasernen gesteckt würden, wo sie her kommen, und nicht wieder rausgelassen würden, wären in vielen Unistädten viele gute Tage gerettet.
    .

  4. sagen sie mal, sie kröterich,
    in welchem bau leben sie denn,
    dass ihnen die burschen so den tag versauen?
    und warum tun die das eigentlich?
    durch ihre existenz an sich?
    oder durch sticheleien am frühstückstisch?

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