Sexuality in Europe

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen, so schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts zumindest Einer, dem nachgesagt wird er sei nicht nur ein trunkener Nachtarbeiter gewesen, sondern habe auch eines seiner Dienstmädchen geschwängert und anschließend in die Wüste geschickt. Aber wie ist das mit der Geschichte der Sexualität?

Die New Yorker Historikerin Dagmar Herzog geht in ihrem aktuellen Buch Sexuality in Europe der Geschichte menschlicher Sexualität im 20. Jahrhundert auf den Grund und zeigt, welche Bedeutung der anhaltende Kampf um die Liberalisierung des Sexus im europäische Kontext spielte und weiterhin spielen wird.
Angefangen bei dem aus seiner Hochzeit tretenden Bürgertum um 1900, in dem Sex in der Ehe vor allem der Reproduktion dienlich sein sollte und sexuelle Encounter der Lust wegen eher etwas waren, für das der Herr des Hauses auf Dienstmädchen oder Prostituierte zurückgriff, bis hin zur modernen Paarbeziehung, in der Sex, egal ob Homo, Hetero oder Bi, als etwas essentielles betrachtet wird, an welchem nicht bloß der Gesundheitsstand einer Beziehung, sondern auch die Verwertbarkeit des Einzelnen auf dem Arbeitsmarkt ablesbar scheint, geht Herzog auf die jeweiligen Entwicklungen in den europäischen Ländern ein und zeichnet den diskontinuierlichen Weg sexueller Libertinage nach.
Herzog zeigt auf, wie die bürgerlichen Wertvorstellungen nach dem ersten Weltkrieg langsam dahin bröckeln und in den Zwischenkriegsjahren eine Liberalisierung einsetzt, welche wohl in nicht unbedeutendem Maße durch den vorläufigen Erfolg der russischen Revolution 1917 herbeigeführt wurde. So hatten die russischen Kommunisten 1920 Schwangerschaftsabbrüche legalisiert und im staatlichen Gesundheitswesen fest verankert, sich bemüht die Gleichstellung der Geschlechter herbeizuführen, damit begonnen patriarchale Dorf- und Familienstrukturen zu zerschlagen sowie gegenüber Homosexualität eine relativ liberale Haltung eingenommen. Dies wirkte sich in Europa in mehrerer Hinsicht aus, so bildete sich aus dem Dunstkreis linker Intellektueller und Mediziner eine eigene Sexualwissenschaft heraus, welche eine Liberalisierung der jeweiligen nationalen Sexualgesetzgebung anstrebte. Aber selbst die katholische Kirche wurde von der russischen Revolution dahingehend beeinflusst, dass sie aus Angst davor, die Roten könnten ihr gegenüber in Sachen Sexualität aufholen, begann eine erfüllende Sexualität in der Ehe als etwas auch jenseits der Reproduktionstätigkeit erstrebenswertes zu propagieren.

Mit dem Anbruch der 30er Jahre sollte sich aber wieder das Haupt der Reaktion gegen die sexuelle Libertinage erheben. In Italien herrschte bereits der Faschismus, welcher die traditionelle Familie mit all ihrer Trieb- und Frauenunterdrückung zum Ideal erhoben hatte, Spanien und Portugal sollten in den nächsten Jahren dahingehend folgen. Auch die mittlerweile dem Stalinismus verfallene Sowjetunion schwenkte von ihrem einstigen Kurs ab und verbat 1933 nicht nur Homosexualität sondern nahm 1936 auch das Recht auf Abtreibung wieder zurück. Herzog leitet sich diese Regression durch den Aufstieg des Nationalsozialismus (NS) her, dessen Homoerotik die Sowjetunion etwa mit der neuen homophoben Gesetzgebung kontern wollte. Es mag sein, dass als marxistisch verkannte Sexualwissenschafter wie der Homophobiker Wilhelm Reich im NS homoerotische Elemente ausmachten, aber die These, dass die Sowjetunion mit ihrer Gesetzgebung auf die deutsche Entwicklung reagiert habe scheint schon etwas gewagt. Gerade wenn man sich die Strukturen des Stalinismus ansieht, liegt die Vermutung nahe, dass die sexuelle Konterrevolution eher in diesen selbst zu suchen ist.
Während in großen Teilen Europas in den 30er Jahren eher eine Zurücknahme vorher erlangter Freiheiten von statten ging, setzte in Skandinavien eine starke Liberalisierungsbewegung ein. Innerhalb kürzester Zeit legalisierten die skandinavischen Länder homosexuelle Beziehungen, Abtreibungen, aber auch eugenische Ansätze. So wurde – wie auch im anarchistischen Katalonien – Abtreibung zu Gunsten eines „gesunden“ Nachwuchs besonders gefördert. Hinzu kam noch eine restriktive Gesetzgebung gegenüber Sexualstraftätern, die bis hin zur Kastration ging. Hier erscheint, dass selbst der Zuwachs sexueller Freiheiten nicht zwangsläufig mit gesamtgesellschaftlicher Emanzipation zusammen fällt, sondern durchaus mit dem bitteren Beigeschmack der Reaktion einhergehen kann.
In Deutschland und Österreich brach mit Antritt des NS die sexuelle Libertinage der 20er zusammen. All jene, die der Volksgemeinschaft nicht angehörten, sollten über die nächsten Jahre sämtlicher Möglichkeiten zur Sexualität, schließlich aber auch der Möglichkeit des Lebens selbst beraubt werden. Was an sexuellen Grausamkeiten in den Vernichtungslagern des NS begangen wurde oder sich in den besetzten Ländern Osteuropas abspielte, schildert Herzog in ihrem Buch, genauso wie die eugenischen Massenmorde an Menschen, welche nach den Maßgaben der deutschen Volksgesundheit als „unwert“ eingestuft wurden.
Für jene aber, welche in der Volksgemeinschaft aufgingen, stellten die 12 Jahre NS-Herrschaft keine sonderliche Einbuße in Sachen Sexualität dar. Zwar gab sich der NS gerne das Bild einer alles Sexuellen bereinigten Ideologie, aber hinter den Vorhängen der HJ- und BDM-Heime war eine rege Sexualität genauso fidel wie in den Großstädten des Reichs. Arische Jugendliche wurden regelmäßig dazu ermutigt sich, auch unabhängig von den Sorgen um deutschen Nachwuchs, zu paaren und die Ehe galt durchaus nicht als eine unantastbare Entität.
Nach der deutschen Niederlage 1945 gestaltete sich die einsetzende Prüderie der 50er Jahre daher nicht bloß als konservative Lustfeindlichkeit, sondern vor allem als Abwehrmaßnahme gegen den NS, in Form seiner Exzesse, seien es die sexuellen Eskapaden an der Heimatfront oder jene Taten, welche die deutschen Herrenmenschen in Osteuropa verübten und von denen zwar alle wussten, aber plötzlich keiner mehr reden wollte. Ehe und Familie wurden zum privaten Bollwerk gegen die Vergangenheit.
Währenddessen kam es auch in den ehemals besetzten Ländern zu einem Backlash. In Frankreich wurde bei der öffentlichen Jagd nach Kollaborateurinnen – also vor allem jenen Frauen, die freiwillig ein sexuelles Verhältnis mit Wehrmachtsangehörigen eingegangen waren – ganz verdrängt, dass ihre männlichen Kameraden in Vichy um einiges aktiver gewesen waren und Stalin überzog Osteuropa mit der gleichen sexuellen Reaktion, welcher auch schon Russland anheim gefallen war.
Erst 1955 sollte in der Sowjetunion und somit auch in den meisten Ostblockstaaten wieder eine Lockerung der Abtreibungsgesetzgebung von statten gehen und eine sexuelle Liberalisierung einsetzten. Aber generell lässt sich sagen, dass in den meisten Staaten des Ostblocks Sex bis in die 80er eher als ein Unthema angesehen wurde, über das offen zu reden man besser nicht wagte.
In Westeuropa setzte derweilen der wirtschaftliche Aufschwung ein und mit ihm die Entdeckung der Jugend als Konsumentenschicht. Mit dieser Entdeckung ging eine langsame Sexualisierung der Werbung einher, welche nach Herzog nicht unbedeutend dazu beitrug, dass es Ende der 60er Jahre zur sogenannten Sexuellen Revolution kam. Während Herzog in ihrem 2005 erschienen Buch Sex after Fascism die Sexuelle Revolution noch in einen historischen Kontext zum NS und zur deutschen Vergangenheitsbewältigung stellt, kommt dieser in Sexuality in Europe nur als Randnotiz vor. So liegt nun ihr Fokus eher auf den sexuellen Freiheiten, welche, u.a. dank Pille und sexueller Aufklärung, erst Einzug in das Studentenmileu hielten, um von dort schließlich klassenübergreifend in die Schlafzimmer der Republiken zu gelangen. Dankenswerterweise lässt sie aber auch Herbert Marcuse zu Wort kommen, der im Kontext der Studentenrevolte die Frage aufwarf, ob dem Sex nicht mittlerweile eine systemstabliesierende Wirkung inne wohne. Eine Frage, die auch in Hinsicht auf die seit 1968 zunehmende Funktionalisierung von Sex zu stellen wäre, bei welcher zwar nicht mehr nachwuchsorientierte Reproduktion als vorrangiges Ziel im Mittelpunkt steht, aber die individuelle Sexualität, welche als eine primär auf eine Akkumulation von Orgasmen hinzielende Gesundheitsmaßnahme erscheint, zunehmend lustfeindlich daherkommt.
Anfang der 80er Jahre sollte die Sexuelle Revolution aber anscheinend noch einen Rückschlag erleben. Mit dem Auftreten von HIV/AIDS setzte in Europa eine Sex- und Homophobie ein, die in der ersten Hälfte der 80er einem Rückfall in längst vergangene Zeiten gleichkam. Aber dank intensiver Aufklärungsarbeit, auch von Seiten Konservativer wie der deutschen Politikerin Rita Süssmuth, konnte der anfängliche Backlash in eine zunehmende Liberalisierung gewandelt werden. Anstatt aus Angst vor HIV/AIDS die Sexualität zu fliehen wurden die Diskussionen über Sex und Homosexualität offener.
Nach dem Fall der Sowjetunion hielt auch im Ostblock die westliche Warenwelt und mit ihr eine liberale Sexualmoral Einzug. Im Zuge der Anbindung an die EU liberalisierten die meisten Ostblockstaaten innerhalb der 90er Jahre ihre Sexualgesetzgebung und orientierten sich an ihren westeuropäischen Vorbildern.
Das aktuelle Bild, welches sich Herzog von Europa macht ist gespalten. Auf der einen Seite steht die Anerkennung von Frauen- und Homosexuellenrechten durch Konservative, die im Angesicht des Islam plötzlich zu wilden Verfechtern von sexuellen Freiheiten werden, auf der anderen Seite steht ein Erstarken Reaktionärer Strömungen in Osteuropa. Als Beispiel für letzteres sei nur auf die immer wiederkehrenden Angriffe auf Gay-Pride Paraden in diversen Ostblockstaaten sowie auf die versuchte Abschaffung des Abtreibungsrechts in Polen, welche im September gerade einmal mit sechs Gegenstimmen verhindert werden konnte, verwiesen.
Es fällt auf, dass Herzog am Ende ihres Buches nicht über ein Thema schreiben will, welches gerade in Hinsicht auf das plötzliche Interesse Konservativer an progressiver Sexualpolitk nicht zu übersehen ist, die sexuellen Verhältnisse in islamischen Communities. Das ist freilich verständlich, wenn man bedenkt, wie einst offen rassistisch und sexistische Politiker das Thema für sich nutzbar zu machen suchen, andererseits läuft man beim Verschweigen der Problematik aber auch Gefahr denen das Wort zu reden, die im Banne einer Religion ganz offen ihrer Homophobie und ihrer Verachtung für alles Weibliche Ausdruck verleihen.

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Dagmar Herzog: Sexuality in Europe, 2011; Cambridge University Press
Dagmar Herzog: Sex after Fascism, 2005; Princeton University Press

Erschienen in der Unique 01/2012.

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