Le feu follet

Le feu follet / das Irrlicht, 1963
R: Louis Malle
D: Maurice Ronet, Jeanne Moreau
Buch: Pierre Drieu la Rochelle, 1931

Fünf Jahre nach Ascenseur pour l’échafaud (Fahrstuhl zum Schafott) drehte Louise Malle 1963 Le feu follet, eine zeitgenössische Adaption des gleichnamigen Romans des französischen Dandy und Faschisten Pierre Drieu la Rochelle. Malle, selber in seinen jungen Jahren dem Dandyismus und den exzessiven Nächten verfallen, nähert sich Rochelles Werk aber nicht in blanker Affirmation an, sondern macht aus Rochells kitschiger Huldigung an den faschistischen Todeskult die stimmige Charakterstudie eines Selbstmörders.

Im Mittelpunkt dieser, auf 48 Stunden angelegten, Studie steht Maurice Ronet in der Rolle des infantilen Alkoholikers und ehemaligen Nachtschwärmers Alain Leroy. Leroy, von seiner Frau in einem Sanatorium zwecks Heilung abgestellt, klammert sich nach einem Entzug aus mangelndem Halt einerseits an seine Geliebte (Jeanne Moreau), andererseits an seine Patientenposition im Sanatorium. Als am selben Tag sowohl Erstere Frankreich verlässt und ihm nahegelegt wird, dass Sanatorium zu verlassen, weiß sich der verzweifelnde Leroy nicht anders zu helfen, als den eigenen Selbstmord zu beschließen. Leroy unternimmt in den folgenden 24 Stunden eine Reise durch sein früheres, alkoholgetränktes Leben in Paris.
Während aber bei der Romanvorlage hier eine Odyssee des antibürgerlichen Ressentiments beginnt, in welcher sich Leroy angewidert von seinen diversen Bekanntschaften verabschiedet, zieht Malles Leroy auf der Suche nach einer neuen Lebensperspektive von einem zum anderen. Er trifft dabei einzig auf gescheiterte Existenzen. Ehemalige Umtrunksgenossen, welche ihr Heil in Kleinfamilie und Esoterik suchen. Künstler, die sich ihre Werke vom anhaltenden Opiumkonsum diktieren lassen und gehobene Abendgesellschaften, die nicht mehr sind als Charaktermasken einer verblassenden bourgeoisen Epoche. Als Eigenkreation und Seitenhieb gegen die politischen Streifzüge Rochelles, lässt Malle Leroy auch zwei verkommene Mitglieder der rechtsradikalen OAS (Organisation armée secrète) aufsuchen, die den verlorenen Algerienkrieg mit den Mitteln des Terrors fortführen wollen. Dass Leroy genau nach diesem Treffen wieder zum Alkohol greift wirkt nur konsequent.
Gerade an diesem Moment des Rückfalls in den Alkoholismus macht sich die zentrale Rolle Maurice Ronets in Le feu follet bemerkbar. Im verstohlenem Blick, mit welchem Ronet sich, das auf einem Tisch stehengebliebene, Schnapsglas zu ertasten scheint, schwingt nicht nur die Resignation über die vorrangegangenen Enttäuschungen mit, sondern auch ein fast schon erotisches Begehren. Es ist nicht einfach nur der bloße Akt der selbstzerstörerischen Grenzüberschreitung, der hier zelebriert wird, es ist vielmehr die letzte sinnliche Befriedigung die Leroy sich von der Welt noch zu erhoffen wagt. Dies so überzeugend vermitteln zu können verdankt Malle einzig Ronet.
Ein weiteres zentrales Motiv des Films ist die Impotenz Leroys. So versagt er bereits in der ersten Szene gegenüber seiner Geliebten, welche ihm sein Versagen aber mit mütterliche Fürsorge zu entschädigen sucht. Diese Impotenz gegenüber der Reife lässt ihn den ganzen Film über nach einer Autorität suchen, welche seinem Leben den Sinn verleiht, den er selbst nicht zu schaffen vermag. Aus Hilflosigkeit gegenüber der notwendigen Übernahme von individueller Verantwortung scheint das, aus dem Alkoholismus wiedergeborene, Individuum seiner selbst so verunsichert, dass es sein Heil in der Wiederbelebung infantiler Beziehungen sucht. Die Suche nach einer tragenden Mutter- oder Vaterfigur ist aber schlußendlich zum Scheitern verurteilt und die Selbstauslöschung wird zum letzten Schrei eines verlassenen Kindes.
Während in Rochelles Roman die Verherrlichung dieser Selbstauslöschung im Mittelpunkt steht, unterwirft sie Malle der Kritik; Rochelle hat sich 1945 im Angesicht seiner Verhaftung durch die Alliierten umgebracht, Malles Leroy nimmt sich das Leben, da er die Verantwortung für seine Individualität nicht anzunehmen bereit ist.

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One response to “Le feu follet

  1. Ein Film, der mich nachhaltig beeindruckt hat (mehr dazu hier: http://www.leselink.de/filme/drama-filme/das-irrlicht.html ). Ähnlich gut hat mir das ebenfalls auf Drieus Roman basierende “Oslo, 31. August” gefallen, das die Handlung in die heutige Zeit verlegt und die Verzweiflung des Protagonisten ähnlich gut auf den Punkt bringt

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