peaceful agony

In den 90ern und den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts richtete sich die Aufmerksamkeit divereser Antifa-Rechercheteams auf die schwarze Szene. Insbesonders das Subgenre des Neo-Folk und eine gewisse englische Band hatte es den antifaschistischen Nachrichtendiensten angetan: Death in June.

Death in June (Di6), in den 80ern aus der Punk-Band Crisis hervorgegangen, verdankte ihren Durchbruch in der Antifaszene vor allem einer starken Affinität für faschistische und nationalsozialistische Ästhetik sowie solchen Überhits wie Rose Clouds of Holocaust („rose clouds of lies“) oder Despair („black sun rising“). Ob Di6 mit SS-Totenkopf als Bandlogo oder einem positiven Bezug auf den molligen SA-Führer Ernst Röhm je mehr wollte als nur ein wenig Aufmerksamkeit, ließ das Mastermind hinter Di6 – Douglas Pearce – gerne im Dunkeln und reagierte auf jede neue Anfeindung von Links mit einer infantilen Freude, die nicht von ungefähr an die Freude eines Kindes über einen geglückten Streich wider die Eltern erinnerte.
Mittlerweile scheint sich die alte Freude aber nicht mehr in gewünschter Weise einzustellen. So äußert sich Pearce in einem kürzlich veröffentlichten Interview sehr enttäuscht darüber, dass es keine Reaktionen auf das Cover seiner letzten Single gab und versuchte anschließend aufzuzeigen, warum man sich hätte drüber aufregen können bzw. warum eben diese nicht eingetretene Aufregung seiner Meinung nach wieder lächerlich gewesen wäre.1
Das ganze liest sich dann auch wirklich so traurig, wie es sich anhört und man fragt sich, warum der 54-jährige Pearce so etwas denn immer noch nötig zu haben scheint. Wie sich dann beim Hören des aktuellen Di6 Albums Peaceful Snow zeigt, scheint Pearce aber nicht bloß auf dem Level seiner pubertären Provokationen den Zenit seines Schaffens weit überschritten zu haben, sondern auch sein musikalisches Wirken bewegt sich auf dem Niveau eines Witzes, der ob seiner Unlustigkeit dem Zuhörer erst noch erklärt werden muss. Nach einer monoton dahinplätschernden Stunde Di6+Piano ärgert man sich schon fast, für diesen überflüssigen Auswurf eines alternden Mannes seine Zeit geopfert zu haben.

Wo früher – neben dem Hang zur Reaktion – musikalisch doch durchaus einiges Neues geleistet wurde, scheint die Neo-Folk Szene heutzutage nur noch ihr frühes Werk in langweiliger Routine zu reproduzieren. Um so verwunderlicher eigentlich, dass sich gerade in letzter Zeit die alten Recken der Szene wieder größerer Beliebtheit erfreuen. Sei es Sol Invictus (die Band vom ex-Di6 und ex-National Front Mitglied Tony Wakeford) oder die italienischen Nihilisten von Spiritual Front (früher stilecht mit Ku Klux Klan-Links auf der eigenen Homepage), alle scheinen sie momentan ihr Revival im eher traditionell orientierten Teil der Gothic-Szene zu erfahren. Im Gegensatz zu Pearce haben die anderen prominenten Vertreter des Neo-Folk aber anscheinend realisiert, dass irgendwelche Spielereien mit SS-Uniformen niemanden mehr hinterm Kamin hervorlocken und beschränken sich vor allem darauf, ihre Evergreens zum Besten zu geben.
Da mag einem Pearce, wie er als last man standing noch probiert, ein wenig des alten Ruhms aufglänzen zu lassen, fast schon leid tun. Das er dabei aber zwangsläufig scheitern muss, hätte ein Blick in den Gothic-Mainstream oder zum linken Objekt der Begierde schnell zeigen können. Während nämlich unter Antifas – wenn man sich denn überhaupt noch mit Gothics befasst – mit den immer gleichen Argumenten aus Speits Ästhetische Moblimachung, die nun wahrlich alles andere als aktuell sind, gegen rechte oder vermeintlich rechte Bands aus der schwarzen Szene ins Feld gezogen wird, haben sich im Mainstream-Gothic längst Bands etabliert, bei denen die reaktionären Tendenzen nicht bloß im Deckmantel der Provokation daherkommen. So sei hier Beispielhaft das deutsche EBM-Projekt And One erwähnt, das so schöne Textzeilen wie „Sei stolz, Deutscher sei Stolz“ (aus Steine sind Steine) schon längst in die schwarzen Großraumdiskos gebracht hat.
Recht Interessant im Bezug auf Di6 wurde es aber vor Kurzem noch, als das Ikonen Magazin in einem Interview mit Pearce versuchte, eine Verbindung zwischen seinen Texten und dem Verhältnis zu seinem Vater herzustellen. Da nämlich wurde der sonst immer so auf Unklarheit und lange inhaltsleere Antworten bedachte Pearce auf einmal sehr ablehnend und mutet fast schon beleidigt an; Sigmund Freud, übernehmen sie.

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Einen groben Überblick über rechte Tendenzen in der Gothic-Szene und den Umgang mit ihnen findet sich bei new dawn fades.

 

  • So sagt Pearce auf endhits.hu über das Cover: There are several reasons why I wanted to use that photo. The first was that I liked the contradictory nature of it; the Polish Home Army dressed in German uniforms, especially the Waffen-SS smocks! Of course, they took these off of captured or killed Germans during the uprising. I imagined more people would have immediately thrown their hands up in the air and started complaining about what ‘Boy Nasty’ was posing beside in the snow as it looks like giant statues of Nazis but that wasn’t the case. The site where the photo was taken was very surprisingly quickly recognised. This sort of spoilt some of the usual Death In June ‘fun’. For me, at least! Another thing was that the Andrzej Wajda film ‘Kanal’ about the 1944 Warsaw uprising is one of my favourites. When Death In June performed in Warsaw in late 2001 I was amazed that this huge memorial was there along with other statues of Home Army members dotted around other parts of the reconstructed city all dressed as Germans.[back]

One response to “peaceful agony

  1. Nun ja, seinen “Durchbruch” verdankt Pearce nicht “Überhits wie Rose Clouds of Holocaust („rose clouds of lies“)”, der fand schon ein paar Jahre früher statt mit “But What Ends…”.
    Ansonsten frage ich mich immer, warum sich die Antifa ausgerechnet auf diese Combo eingeschossen und sie damit so interessant für Rechtsaußen gemacht hat. Ist es die Tatsache, dass DIJ “Verräter” der linken Sache sind?
    Persönlich mag ich die Musik zumindest bis zu “But What ends… ” sehr, danach hat sich die Band ständig wiederholt. Inhaltlich fand ich es schon immer bescheuert, dass fast ausschließlich mit Bezügen zum Dritten Reich gespielt wurde. Wen man provozieren will, sollte man nicht auf eine eindeutige Ikonographie setzen, sondern sich auch mal selbst widersprechen. Insofern finde ich Herrn Pearce’ “Strategie” dumm. Entweder merkt er es nicht, wen er sich da ranzieht oder er will es nicht merken. Am Ende geht’s einfach darum, möglichst viel zu verkaufen. Jaja, die bösen Kapitalisten…

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