Vom Tyrannenmord

Am 27. Mai 1942 verübten drei Agenten des Special Operations Executive mit Hilfe zahlreicher Unterstützer einen Anschlag auf den Mann, der maßgeblich für die antisemitische Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus verantwortlich war: Reinhard Heydrich.



Zur Person Reinhard Heydrich

Der nationalsozialistische Musterarier Reinhard Heydrich wurde 1904 in Halle an der Saale geboren. Durch seine nationalistischen und antisemitischen Eltern geprägt, schloss er sich bereits im Alter von 15 Jahren dem Freikorps von Georg Maercker an und war Mitglied des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes. Karriereversuche bei der deutschen Marine scheiterten in den zwanziger Jahren immer wieder auf Grund seines „arroganten Verhaltens“ und fanden 1931 ganz ihr Ende. Noch im gleichen Jahr schloss er sich der NSDAP sowie der SS an und begann seinen Aufstieg als idealistischer Nationalsozialist; gerade zwei Monate nach seinem Beitritt zur Partei des nationalen Sozialismus wurde er bei Heinrich Himmler vorstellig und begeisterte diesen mit seinen umfangreichen Plänen für einen NS-Nachrichtendienst so sehr, dass Himmler ihn mit dem Aufbau des Sicherheitsdienstes (SD) beauftragte. Heydrich machte sich in den folgenden Monaten daran den NSDAP eigenen Geheimdienst aufzubauen und Informationen über den politischen Gegner (auch in der eigenen Partei) zu sammeln sowie nach 1933 die Wehrmacht, der man ja nie so ganz vertrauen wollte, wie man eigentlich konnte, zu beobachten. Auf Heydrichs Rechnung geht im Kontext des SD unter Anderem die Inszenierung der Röhm-Affaire 1934 sowie das weltbekannte Theaterstück rund um den Überfall auf den Sender Gleiwitz 1939.
1939 wurde Heydrich von Himmler zum Chef des frisch gegründeten Reichssicherheitshauptamt (RSHA) ernannt, welches die, bis dato getrennt agierenden und des öfteren in Konflikt zueinander stehenden, Strukturen des SD sowie der Sicherheitspolizei vereinte. Das RSHA war von seiner Gründung an darauf ausgerichtet die antisemitische Politik des Deutschen Reiches in die Tat umzusetzen und die planmäßige Ermordung von vermeintlichen oder echten Regimegegnern im Reich und in den besetzten Gebieten zu koordinieren. Heydrich nahm diese Aufgabe gerne an und ließ bereits im September 1939 durchblicken, dass man im RSHA bereits an einem „geheimen Endziel“ der Judenfrage arbeiten würde; auch die von Heydrich entworfenen „Judenghettos“ waren für ihn von Anfang an nur eine Zwischenstadtion hin zu einer endgültigen „Lösung“. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass es Heydrich war, dem Hermann Göring im Sommer 1941 mit der Aufgabe betraute, ein Konzept für die „Gesamtlösung der Judenfrage“ zu erarbeiten. Daraufhin setzte sich Heydrich u.A. mit Adolf Eichmann zusammen und berief im Januar 1942 die „Wannsee-Konferenz“ ein, auf welcher er sein Konzept von „Arbeitseinsatz“, „Sonderbehandlung“ und „natürlicher Verminderung“ vorstellte.
Des weiteren wurde Heydrich im Herbst 1941 von Hitler zum „stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren“ ernannt, also zum Verwalter der besetzten Tschechoslowakei. In dieser Funktion organisierte er nicht nur die Ausbeutung der tschechischen Bevölkerung sowie den „Anti-Partisanen-Kampf“, in welchem keinerlei Rücksicht auf Zivilisten genommen wurde, sondern koordnierte auch die Vernichtung der tschechischen Juden.

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Operation Anthropoid

In Großbritannien entschied man sich 1941 dem Treiben Heydrichs ein Ende zu bereiten. Unter Zusammenarbeit des britischen Geheimdienstes und der tschechischen Exilregierung entstand der Plan zur gezielten Tötung Reinhard Heydrichs. Am 29. Dezember 1941 wurde Jozef Gabčík und Jan Kubiš, beide Exiltschecheslowaken und Mitglieder des britischen Special Operations Executive (SOE) – einer Spezialeinheit zur Spionage und Sabotage – per Flugzeug Richtung Tschechoslowakei geschickt. Durch einen Fehler des Piloten landeten die beiden Agenten aber nicht, wie eigentlich vorgesehen, in der Nähe von Pilsen, sondern in der Nähe des, über 100km entfernten, Nehvizdy. Anschließend brachen sie incognito nach Pilsen auf, um von dort, mit Hilfe des tschechischen Widerstands, nach Prag zu gelangen. In Prag angelangt, fanden sie Unterschlupf bei Familien, die dem tschechischen Widerstand nahe standen und begannen erste konkrete Pläne zur Tötung Heydrichs auszuarbeiten. Aber auch in Prag lief nicht alles wie geplant und die ersten Attentatspläne konnten nicht realisiert werden. Schließlich beschlossen Gabčík und Kubiš zusammen mit anderen Agenten des SOE jedoch die Tötung Heydrichs auf offener Straße.

Am Morgen des 27. Mai 1942, warteten Gabčík, Kubiš und ein weiterer Widerstandskämpfer an einer Kurve in der Prager Vorstadt Libeň auf den Wagen Heydrichs, um ihn auf dem täglichen Weg zu seinem Amtssitz – der Prager Burg – abzufangen. Um 10:32 Uhr näherte sich der offene Wagens Heydrichs der Kurve und Gabčík erhob eine Maschinenpistole gegen Heydrich. Nur, wie so oft während der ganzen Operation, funktionierte auch hier nicht alles, wie es sollte und die Maschinenpistole versagte. Heydrich – von sich selbst genauaso überzeugt, wie davon, es mit einem Einzeltäter zu tun zu haben – ließ seinen Chauffeur stoppen und zog seinerseits eine Waffe. Daraufhin erschien Kubiš und machte den Heldenträumen Heydrichs mit einem gezielten Handgranatenwurf ein jehes Ende.
Den drei Agenten gelang nach dem geglückten Attentat zunächst die Flucht. Heydrich wurde schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, doch trotz dem eigens eingeflogene Hausarzt Himmlers, Karl Gebhardt, war dem Werk der drei SOE nichts mehr entgegenzusetzen.
Der „Schlächter von Prag“ starb am 4. Juni 1942 und Gebhardt versuchte in den folgenden 3 Jahren sein Ansehen bei Himmler, welches er durch die missglückte Behandlung Heydrichs verloren hatte, durch Experimenten an Gefangenen des KZ’s Ravensbrück wieder zurück zu gewinnen.

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Das Ende

Als Vergeltung für den Tod Heydrichs wurden die tschechischen Ortschaften Lidice sowie Ležáky von deutschen Truppen dem Erdboden gleichgemacht und die männliche Bevölkerung ermordet. Die Frauen und Kinder der beiden Ortschaften wurden in Konzentrationslagern interniert und überlebten den Krieg zum größten Teil nicht.
Derweilen hatten sich Gabčík, Kubiš und fünf andere Agenten, die an der Durchführung des Attentats beteiligt waren, in der Krypta der Kirche St. Cyrill und Method in Prag versteckt und warteten dort auf eine Gelegenheit, die Stadt zu verlassen. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen. Ein weiterer, aus Großbritannien eingeflogener, Widerstandskämpfer, Karel Čurda, ging der Gestapo ins Netz und packte aus. Er verriet unter Anderem Familie Moracová, welche die Attentäter unterstützt hatte und lieferte sie so der Folter und Ermordung durch die Gestapo aus. So kam es dann auch, dass der Sohn der Familie unter Folter schließlich den Unterschlupf der Agenten preis gab. Daraufhin umstellte die SS am 17. Juni 1942 die Prager Kirche.
Trotz des Einsatzes von 700 SS-Soldaten sollte es den deutschen Besatzern allerdings nicht gelingen, die Kirche ohne Gegenwehr einzunehmen. Zwei Stunden verteidigten die sieben Agenten die Kirche gegen die Angriffe der SS und töteten 14 deutsche Soldaten. Nachdem drei ihrer Mitstreiter, darunter auch Kubiš, getötet worden waren, verschanzten sich die Überlebenden in der Krypta der Kirche, wo sie nach mehrstündiger Belagerung den Freitod wählten.
Der Prager Bischof Gorazd sowie der Prister der St. Cyrill und Method Kirche bekannten sich nach der Erstürmung der Kirche dazu, die Attentäter versteckt zu haben und wurden am 4. September 1942 von den deutschen Besatzern ermordet.

Kein Vergessen.

Die Toten von Ležáky und Lidice
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Familie Moracová
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Jan Kubiš
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Jozef Gabčík
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Adolf Opálka
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Jan Hrubý
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Jaroslav Švarc
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Josef Valcík
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Josef Bublík
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Matěj Pavlík
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All jene, die hier ungenannt blieben

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read on:

Helmut G. Haasis – Tod in Prag

M. Reisinger – Operation Anthropoid

Auf den Ereignissen basierende Verfilmungen:

Hangman also die! (F. Lang + B. Brecht)

Operation Daybreak

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