sick sad world

Das viel beschworene Ende der Geschichte scheint mit der Depression weltweit sein adäquates und verbreitetes psychisches Echo im Subjekt gefunden zu haben. Die müden Augen, bp8der monotone Ausdruck und die Antriebslosigkeit, welche klassischerweise die Spiegel der inneren Leere waren, sind zwar einer allgegenwärtigen Aktivität gewichen, aber hinter der offensiven Beweglichkeit vieler Zeitgenossen verschanzt sich eine tiefgreifende Resignation. Mit dem Ende des gesellschaftlichen Experiments, das 1917 mit den Schüssen des Panzerkreuzers Aurora begann und dessen lang angelegter Niedergang in den 90ern vollzogen war, schwand die greifbare Option auf eine Welt, die – wenn sie schon keine Versöhnung zwischen Individuum, Gesellschaft und Natur bot – zumindest im Groben das menschliche Glück als Maxime des Handelns betrachtete.

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Geisterzug

Wien soll ab 2023 eine vollautomatische U-Bahnlinie bekommen. Man hat dazu keine Meinung, aber das Magazin bzw. Emil Fuchs hatte dazu bereits 2004 interessante Überlegungen:

Geisterzug

Marginalie zum Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen

In der mondänen Stadt Paris gibt es eine Métrolinie welche führerlos fährt. Für diesen Zug mit der Liniennummer 14 ist der ermüdende Beruf des Métro-Führers abgeschafft, während er für alle anderen Linien noch besteht. Im Vergleich mit den anderen Métros ist es ein Genuß, mit diesem Zug zu fahren. Die Bahn fährt, ohne zu rucken, gleichmäßig beschleunigend und ebenso gleichmäßig wieder abbremsend. Sie ist im Gegensatz zu den anderen Linien nie wirklich überfüllt, weil genügend Züge eingesetzt werden, auf die sich die Fahrgäste verteilen können. Während der Fahrt kann man an den Zugenden in die Schwärze des Tunnels schauen: Solche Möglichkeit der Kontemplation eröffnet sich, weil es keine schmutzigen Führerhäuschen gibt, welche die Sicht behindern könnten. Putziger Anblick, wenn dann ein Zug aus der Gegenrichtung kommt: Ebenfalls führerlos, aber dennoch vollbesetzt mit Menschen. Durch die herrschende Raum-Zeit-Organisation jagend warten sie in diese oder jene Richtung schauend darauf, daß dieser oder jener Bahnhof erreicht werde, damit sie dieses oder jene Ziel, in einem jeweils auf diese oder jene Art vorgegebenen Quantum der Zeit erreichen können, die ihnen in ihrer Zeiteinheit Tag zur Verfügung steht.

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Objektiv ungerecht behandelt und trotzdem freundlich

Demokratie und Postnazismus

„Dieser Bonaparte, der sich als Chef des Lumpenproletariats konstituiert, der hier allein in massenhafter Form die Interessen wiederfindet, die er persönlich verfolgt, der in diesem Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen die einzige Klasse erkennt, auf die er sich unbedingt stützen kann, er ist der wirkliche Bonaparte, der Bonaparte sans phrase.“ (Marx, S.161)

Ende 2014 hat sich in Dresden das ostzonale Lumpenproletariat zu einem diffusen Bündnis formiert. 1 sUnter dem Kürzel PEGIDA1 appelliert dieser Auswurf aller Klassen mit seinen Demonstrationen an den Staat, dem er sich, um der eigenen Überflüssigkeit Herr zu werden, als (post-)faschistischer Abwehrmechanismus anzudienen sucht. Diese konformistische Mobilisierung hält bei aller Ablehnung des politischen Establishments Staat wie Demokratie die Treue und trifft auf eine zivilgesellschaftliche Gegenmobilisierung, die ihr darin in nichts nachsteht. Einmal mehr zeigt sich, dass demokratischer Meinungspluralismus und nationalsozialistisches Erbe nicht im Widerspruch zueinander stehen.

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made for the future

the palestinians are not the issue here

Die antisemitischen Gewaltausbrüche des Sommers zeigen einmal mehr, dass Juden in Europa nicht sicher sind1. Der Mut zur antisemitischen Gewalttat erwächst aus den heterogenen Bündnissen gegen Israel, welche bereits durch die Wahl ihrer Mittel ihren antisemitischen Charakter preisgeben.

Ein einendes Element der „pro-palästinensischen“ Proteste, die auch dieses Jahr wieder gegen Israel abgehalten wurden, sind Bilder von toten Kindern. Der Verbreitungsgrad dieser Bilder scheint dabei von der Grausamkeit der abgebildeten Todes-Szenerie abzuhängen. Je schrecklicher das Abgebildete, umso größer die Verbreitung in sozialen Netzwerken und auf Demonstrations-Plakaten. Wenn man Quellrecherche betreibt und die Hintergründe der Fotos offen zu legen sucht, führen die Spuren aber häufig nicht nach „Palästina“, sondern in den Irak oder nach Syrien. Viele der abgebildeten Gewalttaten stehen nicht im Kontext der Geschehnisse um Israel und seine Feinde, werden aber von den „Freunden Palästinas“ der israelischen Armee zugeschrieben. Konfrontiert man die Verbreiter von derlei Bildern mit den Ergebnissen derartiger Recherchen, reagieren diese weder überrascht noch beschämt. Stattdessen wird angeführt, dass das jeweilige Bild symbolisch für das Leiden des „palästinensischen Volkes“ stünde und die israelische Armee nun einmal Kinder töten würde, wenn nicht die abgebildeten, so doch sicher andere. Es gibt keinen Moment des Erschreckens vor sich selbst, keine Reflexion darüber, warum man nach Belieben aus dem Kontext gerissene Bilder toter Kinder einsetzt. Im Gegenteil: dass dem Individuum, welches das abgebildete Kind war, durch die Degradierung zum geschichtslosen Propagandawerkzeug noch ein letztes Mal Gewalt angetan wird, ruft bei den Verbreitern von derlei Perfidität nur Schulterzucken hervor.

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