sie sollen verschwinden

“Meine Kollegin Asli Erdogan wird in einem türkischen Gefängnis gefoltert. Sie wird sich nie wieder davon erholen, wenn sie es überhaupt überlebt. Sie wacht in einem See aus Urin in ihrem Bett auf. Der rechte Führer in Österreich scheint auch von Urin besessen zu sein, aber anders, in froher Erwartung sozusagen. Er propagiert Abschiebungen von abgewiesenen Asylanten mit Militärflugzeugen, wo sie sich “anurinieren” können, soviel sie wollen, es würde ihnen nichts nützen, sie müßten halt weg, irgendwie kriegen wir die schon raus, ganz sicher, versprechen wir der Bevölkerung, die nur darauf gewartet hat, daß sie einer für etwas Kleingeld versichert. Diese Entwürdigung scheint aus einer Besessenheit zu kommen, daß Menschen ins Vakuum eines Seins gesogen werden (a victim in a vacuum, nennt es Thomas Pynchon, was Besseres fällt mir nicht ein), in dem sie verschwinden sollen, egal, wie, sie werden vom Nichts ins Nichts gerissen, das ein selbsternannter, nein, ein gewählter rechter Parteiführer oder ein Diktator, ein zurecht gewählter, einer, den sie sich zurechtgewählt haben, erzeugt hat.”

Elfriede Jelinek – Für meine Kollegin Asli Erdogan

Mit der Würde eines Dolphin Man

the calling

Was uns zusammenhält

„Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich, indem nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt werden kann, welches die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt.“ (Freud, S. 422)

Die Willkommenseuphorie, die Flüchtlinge im Spätsommer so unverhofft traf, Shipwreckwie sonst nur die Kugeln von spanischen und türkischen Grenzwächtern, wurde von einer Welle der Massensolidarität begleitet, die die Lagerräume der Hilfsorganisationen mit Flohmarktware überschwemmte. Abstrahiert man vom konkreten Nutzen, den derlei Entrümplungsaktionen für Flüchtlinge haben, bleibt die Frage, ob hier eine Schuld mit Almosen beglichen werden sollte. Tatsächlich wurde im Zuge des zivilgesellschaftlichen Summer of Hope die Gewalt, die Europa im Kern zusammenhält, durch eine Eruption des Engagements in Sachen Nächstenliebe an den Rand der Vergessenheit gedrängt. Zwar durfte das Einzelschicksal noch zur voyeuristischen Beschau und zur Wahrung der eigenen moralinsauren Interessen Darstellung finden, aber wesentlich wichtiger war die routinierte Abfertigung von Flüchtlingen zur reibungslosen Weiterfahrt. Auch den selbsternannten Fluchthelfern waren die Menschen aus der Fremde anscheinend so suspekt, dass sie diese vor allem als archaische Masse ansahen, die – um ihrer Herr zu werden – zerstückelt und schnellstmöglich über Europa verteilt werden musste1. Der Schock, den jene Flüchtlinge der europäischen Gemeinschaft versetzt hatten, die ihr Schicksal einfach selbst in die Hand nahmen und in den ersten Septembertagen zu Fuß von Budapest gegen Westen aufbrachen, saß tief. Und so übernahmen jene besorgten Europäer freiwillig die Aufgabe, diejenigen zu formieren und zu integrieren, die von den europäischen Grenztruppen nicht aufgehalten werden konnten. Mittlerweile bleibt die Gewissheit, dass sich trotz aller durchorganisierten Aufbruchstimmung nichts verändert hat, sondern u.a. durch die Tatkraft der vermeintlichen Helfer ein ritueller Prozess abgesichert wurde, den die Flüchtlinge kurzzeitig zu sprengen drohten.

Continue reading

übers jahr gehört

_____

Continue reading

sick sad world

Das viel beschworene Ende der Geschichte scheint mit der Depression weltweit sein adäquates und verbreitetes psychisches Echo im Subjekt gefunden zu haben. Die müden Augen, bp8der monotone Ausdruck und die Antriebslosigkeit, welche klassischerweise die Spiegel der inneren Leere waren, sind zwar einer allgegenwärtigen Aktivität gewichen, aber hinter der offensiven Beweglichkeit vieler Zeitgenossen verschanzt sich eine tiefgreifende Resignation. Mit dem Ende des gesellschaftlichen Experiments, das 1917 mit den Schüssen des Panzerkreuzers Aurora begann und dessen lang angelegter Niedergang in den 90ern vollzogen war, schwand die greifbare Option auf eine Welt, die – wenn sie schon keine Versöhnung zwischen Individuum, Gesellschaft und Natur bot – zumindest im Groben das menschliche Glück als Maxime des Handelns betrachtete.

Continue reading